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Zwischen Disko und Dispo, Folge 128: Outdoor-Saison 2011

Mann mit Eimer
Bestimmte Dinge wiederholen sich jedes Jahr im Mai: der Anruf in devoter Stimmlage beim Finanzamt mit der Bitte um Fristverlängerung für die Steuererklärung, ein überraschender Emotionsschub dem gewohnten Partner gegenüber (Frühling), und die Anregung von Redaktionen, doch bitte thematisch die beginnende Outdoor-Saison zu behandeln. – Dem möchte ich nun nachkommen.
Meine beobachteten Trends der Outdoorsaison 2011 sind: auf der Oberfreiarchenbrücke, Schlesische Straße, Sonntag Nachmittags besoffen zusammenbrechen und – wegen des schönen Wetters – liegen bleiben, mehr Menschen auf Krücken in Clubs, mehr Feierabenddrinks zu früheren Tageszeiten, mehr niedliche Hundewelpen in den Armen junger Frauen, mehr gut gelaunte Obdachlose, mehr Anzeigen wegen Ruhestörung, mehr mediterranes Gebaren, mehr Lust auf Körperkontakt, weniger Interesse an Arbeit im allgemeinen.
Wesentliches Merkmal dieser Kolumne soll zudem der Serviceaspekt sein, daher habe ich zwei Neueröffnungen aus dem Bereich „originelle Strandbar mit Tanzmöglichkeit“ für sie besucht.
Zum Opening des „Super You“ oder „Just The Club“ oder „Hinter‘m Freischwimmer“ wie ich den Ort mit bislang unklarer Namensgebung nenne, lud Elektropopkpünstler Oliver Koletzki ein – Koletzki? Das ist doch der mit diesem „Drei-Tage-Wach“- Dings mutmaßen sie vielleicht in dieser Sekunde, doch das kam ja von Lützenkirchen. Von Koletzki stammt der ebenfalls populäre „Mückenschwarm“-Track. Laut Groove-Magazin ist der „Best Act 2005“ und noch einiges mehr, dass die Schlange der Wartenden vorm  Eingang hundert Meter betrug, war also absehbar. Direkt vor mir stand eine Zwei-Meter-Ausgabe der jungen Vanessa Paradies mit Stirnband und in kurzer Jeanshose. Traurig schaute sie mit zu ihren Freundinnen, sagte: „Das hat doch alles keinen Zweck“. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass ihr 80 Cent für den Eintritt fehlten. Natürlich half ich aus, überrascht, wie leicht man einem finanziell vom Elternhaus abhängigen Menschen eine Freude bereiten kann. Die Party selbst war dann ganz gut, das Gelände erinnert an die ehemalige Bar 25: verspielt- improvisierte Dekorationen zwischen Grün und Holzplanken, ein Kronleuchter im Baumgeäst über der Tanzfläche, Sitzende am Ufer der Spree. Wäre eine gewisse Geschäftsorientertheit einzelner Mitarbeiter nicht so spürbar, weniger 0815 -Trend-Fashion und mehr Originalität im Publikum zu finden – ich würde wohl ein zweites Mal hingehen. So jedoch zog es mich auf das Gelände einer ehemaligen Getreidefabrik nach Neukölln.
Das in Neukölln noch der Kunde König ist, wurde gleich an der Kasse klar, als sich ein Student im Mittelalterkostüm empörte: „Fünf Euro Eintritt, so viel? – Wehe die Getränke sind teuer!“ -Sie waren es nicht auf dem spärlich dekorierten Areal mit Blick auf Kräne und Schiffscontainer des Teltowkanals. Mit einem Zwei-Euro-Bier saß ich zwischen ausrangierten Trabant-Autowracks auf einem umgedrehten Mülleimer vor einem Bretterverschlag (Barbereich) und befand: mehr Underground geht nicht. Zum Glück legte jemand mit rotem Vollbart ein hinreißendes Set auf und das Publikum war so, wie ich es mag – bunt zusammengewürfeltes Volk mit Stoffbeutelravern, einer dauertanzenden, weißhaarigen Hippidame, Film-Studenten, schönen Spaniern und vorlauten Neukölln-Prinzessinnen.  Gegen 21 Uhr stülpte sich ein humorvoller Romantiker noch einen leeren Eimer über den Kopf und lief, langsam gestikulierend, wie ein kaputter Roboter, Richtung Sonnenuntergang – ein gerade zu filmischer Moment!  Also wenn sie mich fragen, die Outdoorsaison 2011 wird eine gute.

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