• Stadtleben
  • Zwischen Disko und Dispo, Folge 129: Ein unseriöses Angebot

Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 129: Ein unseriöses Angebot

DekolletйKeine Ahnung wie das bei ihnen so ist, aber ich freue mich über jede Nebenerwerbstätigkeit. Lesungen an Grundschulen, Gastsynchronisationen als Fisch in der Warteschlange (Spongebob), Verkauf von Schokolade im Barockkostüm – ich mache alles, also fast. Denn Letztens bekam ich folgende Email von meiner Agentur, die auch nach mehrmaligen Lesen einen verdächtigen Beigeschmack behielt: „Gesucht werden Gästebetreuerinnen, die auf einer Veranstaltung in besonderer Kleidung beschäftigt sind und dafür 800 Euro erhalten. Der Auftrageberin ist es wichtig, das ‚etwas dran ist‚ an den Frauen…. Außerdem sollten sie ein nettes Auftreten haben und Gästen gegenüber allgemein hilfsbereit sein“.
Auf Anfrage versicherte mir meine  Agentur doppelt und dreifach die Seriosität des Angebots. Meine Skepsis blieb, konnte ich mir doch beim besten Willen nicht vorstellen, wieso jemand in Berlin 800 Euro für ein paar Stunden Gastbetreuung zahlen sollte, es sei denn, die Betreuung würde außerordentlich ,nun ja, persönlich ausfallen.
Im Internet suchte ich also nach Informationen zum  Anbieter. Die von Google gelieferten Stichworte lauteten „Lack“ und „Leder“ sowie „Domina“ und wirkten nicht gerade vertrauenserweckend. Ich hab mich dann direkt beim Auftraggeber erkundigt, was genau die gewünschte Betreuung beinhalte. Die Antwort der Mitarbeiterin fiel eher schwammig aus. „Knopf annähen“ war eine der wenigen Konkretisierungen des Aufgabenspektrums, was mir nur noch absurder schien. In abenteuerlustiger Stimmung ließ ich mich zum Vorstellungsgespräch laden. Als Treffpunkt wurde ein abgelegener Gasthof in Berliner Waldrandlage benannt.

In der Nacht zuvor schlief ich schrecklich. Ich malte mir in verschiedenen Szenarien das Aufeinandertreffen aus, die mit fortschreitender Stunde zunehmend dramatisch ausfielen. Am Ende sah ich mich von Mitgliedern eines Callgirlrings gewaltsam verschleppt –  den vierminütigen Beitrag für ZDF „Aktenzeichen XY ungelöst“ hatte ich fertig geschnitten im Kopf. Am nächsten Morgen hab ich dann in einer wortkargen Email das Treffen abgesagt und jeden Kontakt abgebrochen.

Meinen Agenten rief ich kurz danach an und empfahl im zickigen Tonfall seine Jobangebote besser auf Seriosität zu prüfen, für zwielichtige  Puffaquisen stünde ich nämlich nicht zur Verfügung! Ich hatte die Angelegenheit längst vergessen, als ich Wochen später von einer Kollegin einen begeisterten Detailbericht ihres neuen Jobs zu hören bekam. Sie berichtete, sie hätte mit einer Schweizer Auftraggeberin einen Vertrag abgeschlossen als eines von acht Modells für eine Trachtenmodekollektion und Ansprechpartnerin für Gäste auf Präsentationsveranstaltungen in Berlin, Paris und Dubai. „1000 Euro pro Veranstaltung!“ schwärmte sie, Laufsteg- und Mediatraining inklusive, ein Traumjob sozusagen. Sie sagte, es wäre ein Riesenglück, da sie den Job nur bekam, weil jemand anderes in letzter Minute abgesprungen wäre.
Ich hab mich ehrlich gesagt für meine Kollegin nicht so richtig freuen können. Aber vielleicht können sie es ja.

Mehr über Cookies erfahren