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Zwischen Disko und Dispo, Folge 130: Goldene Früchte

jackieASeit Jahren quält mich ein seltsames Leiden. Es trifft mich stets in unpassenden Momenten, in Zügen, am Küchentisch oder in der WC-Kabine. Menschen  möchten mit mir über Wolfgang Joop sprechen und immer, wenn es Anekdoten über den Modedesigner gibt, egal wie nichtig, sollen diese als eine Art Volksgut bei mir bewahrt werden.
Die Gespräche entwickeln sich zufällig, wie letztens, als mir eine 87-Jährige im Regionalzug neben ihrer langen und durchaus unübersichtlichen Lebensgeschichte auch ihren letzten Besuch im Park Sanssouci schilderte. Bei der Potsdamer Schlössernacht begegnete ihr der prominente Designer. Sie sprach ihn an und man schnackte drei Sätze. Bei der Verabschiedung schicke Joop ein lapidares „Schauen sie doch mal vorbei!“ hinterher. Gerne hätte ich am folgenden Tag sein Gesicht gesehen, denn die Rentnerin nahm ihn beim Wort und klingelte sehr früh in Potsdam an seiner Türe. Laut Überlieferung war er nicht da und eine Mitarbeiterin führte sie durch Teile des Hauses mit Unmengen von antiquarischen Büchern in hohen Regalen – hinter einem davon versteckte sich vermutlich der Designer vor der penetranten Rentnerin.

Ein anderes mal fand ich mich alkoholisiert in der WC-Kabine eines Technoclubs wieder, mit einem unfassbar attraktiven Haute-Couture-Model. Es kam so, wie es nicht kommen sollte und er schilderte mir über eine halbe Stunde Details einer Privatparty auf dem Joop’schen Anwesen, mit Kollegen in Bademode und aparten Lacktischen, auf denen der Legende nach ganze Kokainberge serviert wurden. Zudem versprach er, mich für meine Recherchen das nächste mal mitzunehmen. Das war 1995 und ich denke nicht, dass dieses Angebot noch aktuell ist. Ein paar Jahre wurde es still und ich glaubte schon, das Leiden wäre überwunden, bis letzten Freitag mein Onkel  Armin anrief. Er berichtete, wie er in der Umkleidekabine seines Fitness-Studios gerade die Sporttasche auspacken wollte, als visionengleich der Modedesigner bekleidet mit einer dunklen Sonnenbrille die Räumlichkeiten des Studios mittleren Preissegments betrat. Der perplexe Armin sagte „Hallo. Eine wunderbare Sonnenbrille tragen sie da.“ – Auf Grundlage dieser Aussage entsponn sich ein kurzes Gespräch, an dessen Ende Joop seine Sonnenbrille dem erschütterten Onkel schenkte und verschwand.

Nachdem sich Armin am Telefon beruhigt hatte, entschloss ich mich, etwas Zerstreuung beim Kiezestival „48 Stunden Neukölln“ zu suchen. Das klappte vorerst ganz gut. Im Cafe Laika spielte eine Zigeunerband, ein Mann in zerschlissener Lederjacke hielt einen Vortrag über seine Weltreise und auf der Emser Straße gab es ein Schneckenrennen in einer rumpeligen Ladengalerie – Amüsement in Wolfgang-Joop-freier Zone! Beim Verlassen der Galerie bemerkte ich im Schaufenster noch einen merkwürdigen Dekorationsgegenstand. Ich verstand nicht ganz, was eine goldene Banane mit dem Schneckenrennen zu tun haben sollte. Ein älterer Gast, Typ türkischer Günter Pfitzmann, klärte schließlich  auf: „Wissen se, dit Festivalmotto is Luxus, deshalb die joldene Banane – hier sind überall joldene Früchte in Neukölln aufjehangen! Wahrscheinlich wissen sie’s schon, Schirmherr is Wolfgang Joop. Ick hab den ja mal getroffen….“

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