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Zwischen Disko und Dispo, Folge 132: Aktenzeichen Elektro Ungelöst

Radio

Nie höre ich Radio, aber das Angebot soll ja sehr gut sein in Berlin, meint der Besuch aus Bayern. Sowas wie Motor FM oder Radio Eins gäbe es dort nicht, auch kein Radio Leberwurst (Radio eines Berliner Hockeyvereins) und schon gar keine Piratenstationen. Ich würde wohl selbst mehr Radio hören, wenn ich ein Auto (mit Radio) hätte oder einfach mal daran denken würde, zuhause das Gerät einzuschalten. Wenn ich’s tue, bereue ich es meist, weil eine Crazy Sowieso im mickeymäusischen Tonfall Karten für R&B Partys verlost oder Enrique Iglesias eindringlich im Tonight-Remix warnt: „Oh oh, you know, That tonight I’m loving you, Oh oh, you know, That tonight I’m loving yo, Oh oh, you know, That, usw.“
Jeder normale Mensch würde daraufhin einen anderen Sender einstellen, mir jedoch ist das zu anstrengend und ich schalte sofort aus. Natürlich kommt man so nicht weit, es sei denn man macht selber Radio, dann hört man es ja zwangsläufig.
Meine Zeit als Radiofrau war nur kurz. Im Club fragte mich ein merkwürdiger Typ, der entfernt an Mark Hollys (Talk Talk) erinnerte, ob ich Bock hätte ein Sendekonzept zu schreiben. Er betrieb eine illegale Radiostation in einer Albauwohnung am Senefelder Platz. Ich mochte ihn und sagte  zu. Gemeinsam mit meinem damaligen Freund, einem DJ, entwickelte ich daraufhin eine äußerst lahme und schwer umsetzbare Sendereihe in der Annahme, sie wäre genial. Bei „Aktenzeichen Elektro Ungelöst“ wurden drei Stunden lang Titel und Künstler der elektronischen Musikbranche alphabetisch sortiert vorgestellt und schon in der zweiten Sendung verstrickten wir uns in der beamtenhaften Verwaltung. Vielleicht war das Format aber auch gar nicht so kompliziert, wie es uns schien – man neigt ja alkoholisiert schnell zu einem Gefühl der Überfordertheit und nüchtern haben wir die Sendung eigentlich nie moderiert. Das hatte damit zu tun, dass sich im gleichen Haus auch ein Club befand. Es herrschte reger Austausch. Radio-DJ‘s hingen an der Bar ab und Clubgäste kamen mittags rauf ins Studio, um total dicht die Sendeleitung zu übernehmen. Überall im Raum lagen Kabel und leere Flaschen rum und die Second-Hand-Couch war meist von Marihuananebel eingehüllt. –  Romantisch verklärt könnte man von einem Ort hippiesker Inspiration sprechen, man könnte auch sagen es war ein Desaster. In unserer ersten Sendung jedenfalls war nur Techno und 8-Bit-Computerspielmusik zu hören, unterbrochen von undeutlichen Einwürfen aus der Ferne „Ey, jetzt warte doch mal… “ und besoffenen Lachensalven. Die Sendung wurde in Piratradiokreisen als Erfolg gewertet, doch die Freude darüber währte nicht lange, da es bald schon privat im Sendeteam kriselte. Zwischen mir und meinem Moderationspartner kam es verstärkt zu freudlosen Diskussionen, die ab Sendung drei unglücklicherweise auch live mitverfolgt werden konnten. Nach dem Buchstaben D (Daft Punk, DAF, usw.) beschlossen wir die Sache zu beenden. Ein paar Monate später stellte auch das Piratenradio seinen Betrieb ein, die Beziehung hielt überraschend noch mehrere Jahre.

Foto: Stefan Kühn / Creative Commons

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