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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 134: Internationales Bierfestival

Superheroes auf dem Bierfest

Mit  der U5 unterwegs zum Bierfestival. Securitymann mit Trillerpfeife am Gürtel demonstriert Präsenz, ein Bierinteressent mit Carmouflage-Basecap spricht ins Handy: „Ne. Dit mach ick nich, Norbert. Kannste vergessen. Ick steig jetze am Frankfurter Tor aus!“ – Ich natürlich auch.
Laufen Richtung Festmeile Karl-Marx-Allee, Orientierungspunkt haushohe Bierflasche. Auf dem Platz dicke Muttis mit Bierhumpen in der Hand, asiatische Touristen mit Rucksäcken fotografieren Brandenburger Pärchen mit Reishüten. Mittendrin und bester Dinge der amtierende Bierkönig, fideler 73-Jähriger mit Hopfenkranz und 19-jähriger Königin im Arm, gibt königlichen Hinweis per Mikrofon: „Je kleiner das Glas, um so mehr kann man trinken!“ – direkter Einspruch aus dem Volk: „Wat soll dit denn? Find ick nich jut! Beim Grünkohlfestival in Holland wird der König, der am meisten verträgt!“
Flanieren unter Linden, Freuen über internationales Angebot: „Frisch. Frech. Lech!“ (Polen), „Singha- Beer has been internationallly accepted!“ (Thailand) oder „Omoba Import präsentiert: Mangobeer, Bananabeer, Palmbeer.“ (Afrika) – dazu Tresenausstattung mit Plastikfrüchten und Leopardendruck, orangen und grünen Discolights – persönlicher Lieblingsstand bis hierhin.
„Bienvenue, Herzlich Willkommen!“ – steht über Bühne 5 mit momentanem Auftritt von  „A & O“ – Alfon’s Oldies. Älterer Herr mit Gitarre singt „Johnny Walker, komm bald wieder“, eine zirka 65-jährige Mahrzahnerin trinkt schechisches Bier    ( Zitat „sehr gut“) und stellt fest: „Woanders musste für blöde Hupfdohlen Geld bezahlen, hier haste et umsonst.“
Passieren von Stand „Snow Koks – Get The Clean Stuff Experiment“ – Kahlköpfiges Testosteronmännchen lehnt einsam an der Bar. Mehr Betrieb bei „Räucherstäbchen, Jogi-Bier und indisches Fassbier für 1,50!“ – Indischer Verkäufer verschenkt Luftballons. Bekomme auch einen, und zwar: „So wunderschönä rotä wie deinä Lippä!“
Herantreten an winzige Lottobude mit Ziel Loskauf. Dabei umfassend über Lebensumstände von Verkäuferin Marina K.* informiert werden: seit 93 tätig , davon sechs Jahre krankgeschrieben, in Folge Kuraufenthalte in Westdeutschland, private Probleme, Scheidung usw. Mein Los gewinnt übrigens nichts.
Innehalten vor Bühne 10 und Lernen von Liveact „Brunner & Brunner“: „Wir sind alle über 40, hab’m im Leben nichts vermisst… Ein Glas zuviel, das schadet nicht, denn manchmal braucht die Seele Licht… Es ist egal, wie alt du bist…Wir sind alle noch am Leben.“
Fast am Ende der Meile, rechts: Coverband spielt Rockversion von Lady Gaga’s „Pokerface“, links: Ausnahmezustand. Menschen auf Bierbänken schunkeln und winken mit Taschentüchern im Takt der Bayerischen Volksmusikkapelle. Frontmann singt „Auf und nieder“, macht dazu in Latzlederhosen eindeutige Beckenbewegungen. Standing Ovations vom Publikum! – insbesondere wegen letzter Ansage: „Alles aufstehen, was nicht ins Altersheim geschickt werden will!“
Runter in den U-Bahnhof, Luftballon in die Tasche stopfen und Eindrücke sortieren. Erst schmunzeln, dann ärgern. Auf dem Bierfestival gewesen und kein einziges Bier getrunken? Verdammt!  -War trotzdem schön.

 

* Name von der Redaktion geändert

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