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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 136: Be Obama, Schätzchen!

Wahlpleite

Der  Himmel spuckt ans Fenster der Tram. Ein Kleinkind wälzt sich schreiend auf dem Boden, unzufrieden mit der sonntäglichen Gesamtsituation und verfolgt von skeptischen Blicken aus einer tragbaren Katzenbox. Heute sind Wahlen in Berlin und die erste Prognose kommt von ganz oben: miserable Aussichten.
Bin auf dem Weg nach Kreuzberg ins Drama zu „Wahlwatching mit Angela Merkel Live“.  Ich suche Trost zwischen verblühten Transvestiten und gescheiterten Superhelden mit leichtem Portmonaie und schwerwiegenden Geschichten in den Innentaschen ihrer agbehalfterten Jackets. Ich mag diesen Ort, nie habe ich hier mehr als vier Personen angetroffen und immer fühlt es sich so an, als ob die ganz große Party erst wenige Augenblicke vorüber ist. Barmann Rosi grüßt und zapft ein frisches Pils, wie immer mit beachtlichem Minenspiel, irgendwas zwischen Bastian Pastewka und Hildegard Knef in einem verunsichertem Moment. Androgyne Jungs sitzen an der Bar, den Blick auf die Videowand gerichtet. Die Hochrechnungen zur Wahl erscheinen erst ohne Bild, dann ohne Ton wegen technischer Probleme: SPD 29,3%, CDU 23,5%, FDP 1,8% – Jubel am Tresen. Rosi legt eine Musik-CD ein und guckt schon wieder so… muss ein Lachen unterdrücken. Phillipp Rösler bewegt im Interview die Lippen zu Madonna‘s Gesang:  „Don’t you feel sorry,…Broken like a crooked smile… I’ve woken from a fuzzy dream, You never would believe the things that I have seen.“  Wir spielen Parteizugehörigkeiten erraten, anhand von Frisuren. Ich bin ziemlich gut, scheitere erst, als mich ein Gast, Typ Motorradclubgangster, fragt, welcher Partei er wohl zugehörig sei. Der unvermutete SPD-Mann erklärt mir in seiner Funktion als Autofahrer, Motoradfahrer und Fußgänger  warum wir die A 100 brauchen: „Weinflaschen, fünf Sorten Kartoffeln, das Obst in den Läden, wie soll das täglich angeliefert werden? Ich kann den  Stau am Mehringdamm nicht mehr sehen! “ Dann rege ich mich über steigende Mieten auf und er berichtet von seiner letzten  Party, vorgestern bei Punks in einem besetzten Haus.
Als Ton und Bild endlich wieder laufen, liegt die Tonspur schief und CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel  bedankt sich für die Wahlergebnisse mit der Stimme der Grünen Claudia Roth. Rosi gibt Entschuldigungs-Schnäpse aus und ich verschwinde auf die Toilette. Ich lass mir Zeit, ziehe den Lippenstift nach, telefoniere noch. Als ich wiederkehre läuft harter Techno und das Drama ist voll bis obenhin. Rauchwolken steigen an die Decke, Stimmengewirr wird von hysterischem Gelächter durchbrochen. Ein Transvestit mit verwischtem Lippenstift und Angela Merkel Perücke versucht gerade auf wackeligen Plateauxschuhen die Bar zu erklimmen, während eine Gruppe schwarzangemalter Fans der „Partei“ applaudiert und fordert: „Be Obama, Schätzchen!“. Etwas merkwürdig finde ich das Heteropärchen, dass da zwischen den Barhockern in Unterwäsche tanzt, wobei die Luftfeuchtigkeit enorm ist. Linien weißen Pulvers werden in einer Ecke mit gerollten Euro-Scheinen inhaliert, ein Tourist kommentiert: „It‘s so Berghain!. Als ein völlig aufgelöster Klaus Wowereit, verfolgt vom 15-köpfigen Journalistentrupp, einkehrt,  möchte ich mir reflexartig in den Arm kneifen doch das geht nicht, weil ein zähnefletschender „Buddy“-Bär  an meinem Ärmel zerrt. Dann plötzlich ist alles friedlich. Nur Rosi ist noch in der Bar und hat aufgehört, an meinem Ärmel zu zupfen. „Schätzchen, wir machen jetzt zu. Der Wowereit bleibt Bürgermeister.“

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