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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 137: Erotikmesse im ICC

Erotikmesse im ICC

Draußen scheint die Sonne und drinnen im ICC tun mir alle recht leid. Ich bin eine Menschenfreundin, glaube an das Gute. Ich glaube, es ist immer da. Egal wie trostlos es von Außen scheinen mag, wie viele Schichten Verzweiflung, Enttäuschung und Selbsthass aufgeweicht werden müssen. Am Ende bleibt da immer ein Mikrofunken Mensch, ein warmer, wunderbarer… 

In Messehalle 19 ist erst mal Rammstein angesagt und 4 Minuten vergehen, bis der erste Schwanz im Rachen einer Blondierten kommt, live auf Screen übertragen. Verschiedene Sorten Techno bumpern an mein Ohr, es gibt Stände mit quietschfarbener Reizwäsche, lebensgroßen Silikonpuppen mit offenen Mündern und Vaginas, die aus Stringtangas hervorquellen. Eine dünne Erotikdarstellerin bewegt sich, Rolligkeit vortäuschend, an der Fotowand, drumherum schlingert ein Knäul Regenwurmmänner. Es ist die Sorte Mann, die Frau stets übersieht, introvertiert und schlecht durchblutet. Sie schwitzen, während sie fotografieren. Einige von ihnen zittern sogar. Es riecht nach süsslichem Deodorant und einsamen Herren.
Jetzt ärgere ich mich über meine eigene Voreingenommenheit. Wer sagt, dass die Menschen hier nicht glücklich wären, nicht einfach nur ordentlich ficken und Geld verdienen wollen?
Die Kollegin Sexkolumnistin kommt jedenfalls gerade recht. „Der erste Ficken ist gratis“ – sagt die Bedienung und reicht uns gleichnamigen Trunk an der Bar. Der Schnaps schmeckt nach Heidelbeeren und Shelley Masters lacht.
Wir stellen uns zur Männertraube vor ein rundes Bett. Nebelschwaden ziehen auf, Michael Jackson singt „Dirty Diana“ und auf weißem Kunstleder wird einem Messegast der Hintern versohlt. Ich weiss nicht wieso, aber ich find’s gut. Die Domina führt sich noch erhebliches Dildogerät ein, wirft ihre schwarzen Extensions in den Nacken und wirkt, als würde sie gedanklich eine Einkaufsliste für den Supermarkt zusammenstellen. Der Gast liegt unter ihr, trägt karierte Socken und Shelley holt einen Flachmann aus der Tasche. Dann ziehen wir weiter, fotografieren uns kichernd zwischen Gummipuppen. Ein sächsischer Aussteller schenkt uns kleine Turnbeutel, „Wichssäckchen“ – klärt der junge Mann auf, genäht von seiner Freundin. „Sorgenfrei, fleckenfrei abspritzen!“ – steht auf dem Beipackzettel, wir haben jetzt sehr gute Laune. Ich besorge Sekt und Shelley fachsimpelt am Dildostand. Der Verkäufer trägt Tom-Ford-designte Turnschuhe mit Flügeln dran und empfiehlt ein „Special Edition Model“. Die ganze Zeit schon möchte ich wissen, wo der Lärm herkommt und irgendwann finden wir uns hinter einer schwarzen Wand wieder. Ein Schild warnte: „Ladys only„, drinnen dutzende, jubelnde Frauen. Hinter einem Tänzer, mit auf dem Bauch tätowierten „Bacardi“-Adler, kniet eine Brünette, bemüht, ihm den Slip abzustreifen – Riesenstimmung! Meine Kollegin hat sich einen Gummipennis in den Hosenschlitz gesteckt und spinnt mächtig rum. Wir laufen weiter, aus Shelleys Hose hängt immer noch der Penis. Wir inspizieren ponnyhohe Fickmaschinen eines österreichischen Herstellers, nehmen Platz auf Gynäkologiestühlen und lassen uns vorübergehend in Metallkäfige einsperren.
Der letzte Schnaps folgt kurz vor Messeschluss und wir sitzen blau hinter einem verwaisten Stand. Wir unterschreiben Autogrammkarten fremder Pornostars und winken den Messegästen zu. Ein Regenwurmmann ist gekommen, knippst stumm seine Fotos. Wir schenken ihm besoffene Kussmünder. Ein Securitymitarbeiter herrscht uns an, wir sollen die Musik leiser drehen. Da gucken wir ratlos, wir haben ja keine Musik, wir haben nur diese Bilder im Kopf und irgendwie ist mir auch schlecht. Ein idealer Zeitpunkt zu gehen.

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