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Zwischen Disko und Dispo, Folge 138: Rettungsschirm

Rettungsschirm

Sitze auf einem beigefarbenen Stuhl und denke über Revolution nach. Ringsum nippen Senioren an winzigen Tassen. Ein Rollator parkt am Eingang, der Regenschirm liegt auf dem Tisch. Im Radio singt Milow „…Ah-Yo, I’m tired of using Technology“. Eine Fliege wandert müde über die Scheibe des Kuchenbuffets und auch der Partyreporter ist an Aufregung heute nicht interessiert.
Ich sortiere lieber die Haselnüsse aus dem Eisbecher. Das ist merkwürdig, denn eigentlich esse ich Nüsse ziemlich gern. Ich würde sogar sagen, sie sind das Beste am Nusseisbecher, doch heute stören sie mich. Sie sind Stellvertreter für unbequeme Nachrichten in süssklebriger  Nachmittagsstunde. Bekannte zogen vor den Bundestag, sie haben sich der Occupy-Wallstreet-Bewegung angeschlossen. Auf Facebook posten sie immer wieder neue Fotos von Plakaten und bunten Menschenmengen.  
In Zeiten erhöhten Demonstrationsaufkommens müsste einen dies nicht weiter beschäftigen, wäre das Thema nicht so ein spannendes. Als Fan von unkonventionellen, politischen Innovationen, würde ich es nämlich sehr begrüßen, wenn mein Dispokredit, ähnlich wie die Schulden der Deutschen Bank, auf politische Anordnung hin vom Volk, zumindest dem in Berlin, übernommen würde. Denn ohne Frage würde die Berliner Nachtlebenwirtschaft von einen solventen Partyreporter erheblich profitieren. Clubs könnten wegen steigender Getränkeumsätze  expandieren, die Nachfrage nach teuren Kugelschreibern und Partyartikeln, wie Spitzhütchen, Konfetti- und Glitzerstaubkanonen würde steigen, immer mehr Perückengeschäfte würden eröffnen, neue Arbeitsplätze entstünden.
Zudem wäre der Politik mit einem neuen, sympathischen Image des Rettungsschirmes geholfen – weg vom bedrohlichen, Milliarden-Euro-vernichtenden, hin zum Retter des kleinen Reporters und dem Menschen ganz allgemein. Ich finde, jeder sollte so einen Rettungsschirm besitzen und gerne würde ich die Vorreiterrolle übernehmen. „Erster Bürgerrettungsschirm tritt in Kraft“ soll die Berliner Zeitung titeln, darunter ein Foto vom Fillialleiter der Sparkasse und mir, händeschüttelnd.
Doch statt meine Anregungen vorm Bundestag zu skandieren, sortiere ich Nüsse aus dem Eisbecher. Offensichtlich ist meine Wut über das System noch nicht groß genug. Wie sollte sie auch? Im Club- und Diskothekenuniversum ist die Welt noch in Ordnung: Schnäpse gehen aufs Haus, die Gästeliste ist umsonst, und wenn der Sinn nach Urlaub steht, wird ein Etablissement mit Papageien- und Palmendekoration besucht.
Ich seufze laut auf. Es ist eine mühselige Angelegenheit, einen Nusseisbecher zu essen, während weltweit für interessante Anliegen demonstriert wird.
Bilder der Montagsdemonstrationen von ’89 kommen mir in den Sinn – die Menschen, ihre Entschlossenheit, das Ergebnis! Entnervt bestelle ich die Rechnung. Ich möchte nun doch etwas bewirken für mich und die Gesellschaft – am besten sofort, dann habe ich es hinter mir. Vorm Cafй weht ein kräftiger Wind. Eiligen Schrittes laufe ich los, die Haltestelle im Visier. Der Kellner taucht im Türrahmen auf, ruft  „Ihr Schirm! Vergessen sie ihren Schirm nicht!“ – Dann kommt der Bus.

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