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Zwischen Disko und Dispo, Folge 139: Tagebuch

Tagebucheintrag

Immer, wenn ich eine Kolumne schreiben müsste, setzt dieser Drang ein aufzuräumen. Ich denke dann, ich könnte schönere Sätze formulieren,  wenn um mich herum alles ordentlich ist und weil das sehr selten der Fall ist, beginne ich meist mit dem Abwasch. An ungünstigen Tagen wie heute, wische ich noch Türklinken ab und sortiere Papiere. Unter einem dicken, seit mehreren Jahren nicht mehr bewegten Stapel, fand ich ein Heft. Auf der Hülle klebt ein vergilbtes Katzenmotiv und drinnen steht: „Wenn man dieses Tagebuch verstehen will, muss man das vorige gelesen haben und mich genau kennen, sonst versteht man bestimmte Zusammenhänge nicht…“ unterschrieben mit „Jacqueline“, der i-Punkt in Herzform rot ausgemalt. Ich war verdutzt. Offensichtlich hat sich seit meinem letzten Tagebuchentrag im Alter von 12 Jahren mein Schreibstil nicht mehr verändert. Selbst die im folgenden behandeltenThemen – Jungs, Musik, Party – unterscheiden sich nur unwesentlich von denen in 2011. Ich habe daher beschlossen mir die Arbeit zu erleichtern und übernehme einen Text von Seite 34, Überschrift „Und immer wieder Jungs!„. So kann ich noch das Bad durchwischen und sie erfahren etwas über die Freizeitgestaltung gelangweilter 12-Jähriger im Potsdamer Plattenbaugebiet „Waldstadt II“. Der Architekt dieser Siedlung erhielt übrigens den Nationalpreis der DDR,  allein dafür gehörte das System zusammengebrochen.  

„Zschirpi kam kurz nach 12 zu mir. Wir räumten schnell auf und gingen los. Ich griff noch mein Miniradio. Wir latschten durch Waldstadt aber es wollte uns einfach nicht gelingen, ein Abenteuer zu erhaschen. Wir sind auf dem Anton-Fischer-Ring ein paar Jungs nachgelatscht, aber nichts… Wir wollten schon aufgeben, doch da: 3 Jungs schätzungsweise 14, 15 Jährig! Es war noch einen Versuch wert. Wir sind zirka 20 Schritte hinterher gelatscht, als ich mein Miniradio anstellte und krampfhaft versuchte einen vernünftigen Ton herauszubekommen. Nun ja. Die Jungs haben es mitbekommen und stellten volle Pulle ihren „duften“ Stereo-Rekorder an (Rod Stewart und so). Sie blieben auf einmal stehen und wir mussten vorbeilaufen. Sie machten sich über Zschirpi’s Stirnband lustig. Dann fragten sie, wie alt wir sind. Wir haben keine Antwort gegeben. Die drei Kerle sahen von Nahem „etwas“ anders aus, wie von Weitem. Der Erste war dünn und trug Brille – Spitzname Herkules, der 2. war abgebrochen und schielte, der 3. war groß und kräftig und hatte Liebeskummer. Alle 3 waren stink besoffen von 2 Flaschen Wein. Sie boten uns Zigaretten an, wir lehnten ab. Sie boten uns Wein an, wir lehnten ab. Sie boten uns Schokolade an und auch die lehnten wir ab. Es war bescheuert mit denen! Dennoch habe ich sie Silvester wegen SFB* zu mir nach Hause eingeladen. Sie sollen auch ein paar Freunde mitbringen. Mal sehen ob die kommen.“

Zwei von ihnen kamen tatsächlich. Der Abend war von Unsicherheiten, 80er-Jahre-Musik und unerfüllten Begierden geprägt, an dessen Höhepunkt ein Böller auf meiner weißen Jacke explodierte. Zu Schaden kam aber niemand.

*sturmfreie Bude

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