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Zwischen Disko und Dispo, Folge 140: Zukunftsmusik

Zukunftsmusik

Letztens erhielt ich eine Email. Jemand von der Freien Universität Berlin  interessierte sich für Zukunftsvisionen des Nachtlebenreporters. Es ging um eine neuzuentwickelnde App und irgendetwas, das ich nicht in Gänze verstand. Ich war mir nicht sicher, ob ich das Zeug zum Zukunftsprofessoren hätte aber mir fiel ein Gespräch ein, dass ich vor Jahrzehnten unter Drogeneinfluss und in einem knappen Raumschiff-Enterprise-T-Shirt am Tresen einer Afterhour-Location führte. Der DJ und ich waren die zweite Nacht unterwegs, wir redeten ununterbrochen. Es war in den frühen Neunzigern, es herrschte akute Technologieeuphorie, Musik brauchte keine Melodien mehr, die Mauer war weg und wir fühlten uns getragen von diesem „Jetzt-gehts-los!“-Gefühl. Der DJ berichtete mit Schweissperlen auf der Stirn , dass Inhalte unserer Persönlichkeit demnächst auf winzigen Chips gespeichert würden. Unsere Körper würden wir bald nicht mehr benötigen, denn das Leben wäre unbegrenzt im Cyberspace. Ich saß daneben auf dem Barhocker und beobachtete angestrengt mein Glas, das ständig seine Form zu verändern schien. Im Hintergrund lief Prodigy’s „Out Of Space“ und gleich würde ich aufstehen um die nächsten 2 Stunden, vielleicht auch Jahre, zu tanzen. Auf die nächtliche Euphorie folgte ein unfassbarer Kater und bald auch Ernüchterung, denn, soviel war klar, solange Menschen mit Staubsaugern auf dem Rücken Discotheken besuchten, war die Zeit für eine Techologierevolution noch nicht gekommen.
Jahre später erhalte ich diese Email und antworte pragmatisch. Gefragt wurden Ideen für das Jahr 2020, für eine nahe Zukunft also. Ein Ort, wie der „Club Watt“ in Rotterdam, der die Bewegungsenergie der Tanzenden in Strom umwandelt, sollte dann Europäischer Standard sein. Wir werden über neuartige Alkoholikas verfügen ohne Nebenwirkungen und Suchtpotential. Die Jugend von heute ist  der Altenbetrieb von morgen, 60-Jährige mit Zahnersatz pilgern zur Sonntags-Matinee ins Technomuseum Berghain, um in komischen Hosen aus Tierhäuten zu dieser  Musik von damals zu feiern. Clubkultur, wie wir sie heute kennen, ist nicht mehr relevant. Nachwachsende Generationen, in der Überzahl Nerds, werden sich in Internetkneipen oder mit komplexen Computergames amüsieren, in denen Clubleben, Social Comunity, Musik und Spiel miteinander verwoben sind. Hipsterpotential wird von Fantasie, Intellekt und sozialer Kompetenz abhängig sein. Äußerliche Werte,  wie körperliche Attraktivität, BMI oder Alter bringen einen zukünftig nicht weiter. Unser Sozialleben, innerhalb wie außerhalb der Netzwelt, wird sich nachhaltig verändern.
Mit dem Thema Amüsierbetrieb 2.0 experimentiert man gerade auch im  „Chez Icke“. Bei dem Theaterprojekt treffen sich Schauspieler, Musiker, Autoren, Trinker und Nichttrinker am Tresen, die Szenerie wird Live ins Internet übertragen. Dabei können User weltweit die Schauspieler als Avatare nutzen und so die Handlung in der Kreuzberger Kneipe beeinflussen. Nebenbei wird eine alte Nachtlebenreporterweisheit belegt: Bedeutende Zukunftsvisionen beginnen und enden meist am Tresen.

www.chez-icke.com

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