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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 141: Der gute Ruf

U-Bahn

Berlin ist eine geile Stadt, so von Mai bis Oktober. Das stimmt schon. Da kann man nichts sagen. Leider haben wir Dezember und Berlin ist nicht Miami, wie jemand letztens treffend bemerkte. Dennoch wäre ich interessiert den Ruf der Stadt als weltweit beachteter Quell der Inspiration und touristischen Hotspot auch über die Wintermonate zu erhalten, die Touristen sind mir Wurscht aber wir brauchen das Geld.
Unglücklicherweise ist die Attraktivität nur zum Teil von der Architektur abhängig oder der Infrastruktur, oder einem völlig durchgedrehten Nachtleben- und Kulturangebot. In erster Linie sind es die Menschen, die der Stadt ihr Gesicht geben, um genau zu sein, jeder einzelne Berliner steht für Berlin. Also auch der Busfahrer, der mich da nachts auf einer schlecht beleuchteten Straße im Wedding nicht zusteigen ließ, weil ich statt mit Münzgeld, mit einem Schein zahlen wollte. Auf dem zweistündigen Fußmarsch Richtung Pankow dachte ich nach und kam zu folgender Lösung. Ich bin für Schauspielkurse, bezirksübergreifend, staatlich gefördert und für jeden Bewohner der Stadt.
Wenn es dem Berliner im Winter so schwer fällt, weltstädtisches Format zu bewahren, irgendwie offen, lässig und humorvoll zu bleiben, dann sollte er dies zumindest professionell spielen können – für den guten Ruf in der Welt!
Busfahrer dürften hinter der Performance des serviceorientierten BVG-Angestellten ruhig Arschlöcher bleiben, bocklose Bedienungen blieben bocklos hinter der Showfassade einer flinken und superaufmerksamen Serviererin, faule Kolumnistinnen blieben faul hinter der Kulisse der zuverlässigen und freundlichen Textlieferantin… Ein kleiner Kurs für den Berliner – eine tolle Wirkung nach Außen! Dass es funktioniert ist längst bewiesen. Ich hatte das Glück einst selbst einen Schauspielkurs besuchen zu können, meine Umwelt und ich profitieren davon bis heute. Ich spreche nicht vom Fechtunterricht, dem gruppendynamischem Streicheln, darstellerischen Höchstleistungen als „Käfer auf dem Rücken“ oder Schrei-Training. Es gab da diese Übung „Aktion und Reaktion“, in der man zurücktrainierte, was einem im Großstadttrubel abhanden kam, die Fähigkeit das Gegenüber wahr zu nehmen und angemessen zu reagieren. Voraussetzung ist es, emphatisches Denken zuzulassen. Meine Antennen jedenfalls sind seither „on“ und gerne würde ich das gesamte Berliner Antennennetz aktivieren. Warum die Leute beim Jobcenter zum 3. Mal ins Bewerbungstraining schicken und nicht gleich in den Schauspielkurs? Das muss man sich mal vorstellen, jeder ein Schauspieler in Berlin! Möglicherweise anstrengend aber auch toll: Drogerieverkäuferinnen, die mit WC-Bürsten zwischen den Regalen musicalartig performen, Journalisten, die in die Rollen frei erfundener Interviewpartner schlüpfen, U-Bahnen als Hort kollektiver Improvisationen, viel mehr noch als jetzt, überall Gedichtvorträge, Dramen, leichte Komödien, Vorträge. Ich weiss übrigens aus erster Hand, dass Schauspielschüler ihre Übungen gelegentlich in öffentlichen Verkehrsmitteln vornehmen. Nicht jeder also, der sich in der U-Bahn absurd aufführt ist ein Idiot, nicht jeder der eine komische Idee hat, bescheuert – eine geile Stadt ist dieses Berlin.

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