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Zwischen Disko und Dispo, Folge 142: Ernie- Ein Weihnachtsdrama

Bild_Bastian_SchreckErnie steht an der Schnellstraße. Es ist ein sachlicher Beschluss, den er hier heute umsetzen wird. Sein Leben soll nun zu ende sein, kurz und schmerzlos, ohne melancholisches Geknurre. Dieses Leben war sowieso nie sein eigenes. Es war das Leben eines alternden Pudels,  der die meiste Zeit in Handtaschen transportiert und in winzige Steppjacken gesteckt wurde, obwohl er dies  für ausgemachten Chiwawa-Nonsens hielt. Ernie‘s Frauchen, eine High-Society-Kolumnistin mit mäßiger Schreibbegabung hat ihn, den von einem alten Jagdhundegeschlecht abstammenden Ernie, nie verstanden. Sie hat seine Bedürfnisse ignoriert und ihn zum Accessoire degradiert, ihm mit pinker Farbe im Pelz dem Gespött des Gesellschaftlichen Flachzangen-Klüngels preisgegeben und ihn auf Vernissagen in Berliner In-Lokalitäten  beschämende Anweisungen erteilt, wie „Ernie mach Männchen!“ oder „Ernie, aus!“
Ernie ist intelligent genug zu verstehen, dass sein Dasein zwischen Handtaschen und Hühnchenpasteten ein privilegiertes ist. Er sah die Filme von Hunden, die verwahrlost am Straßenrand Spaniens lebten. Und doch beneidete er sie um ihre Freiheit so sehr.

Ernie leidet an seinem Image, dieser Harald-Glööckerhaften Idiotie, die man sofort unterstellt, wenn Körperbehaarung in absonderliche Formen gestutzt wurde, mit Puscheln an den Knöcheln kahler Beine und einem beachtlichen Lockentuff auf dem Kopf. Zu stark weicht das Äußere vom Inneren ab, denn Ernie hat Substanz, verfügt über eine überdurchschnittliche Auffassungsgabe, was nicht einmal seinem ignoranten Frauchen entging.
Es witterte die Chance auf leicht verdientes Geld und wurde mit Ernie bei Agenturen vorstellig. Man zeigte sich beeindruckt von der Apportier- und Kostümierungsbereitschaft des Pudels und Ernie erlebte eine kometenhaften Aufstieg als Werbemodel. Er war der einzige Hund Deutschlands, der in Kostüme anderer Hunderassen schlüpfte und diese in Perfektion imitierte. Er übernahm frisiert als West-Highland White  die Hauptrolle in einem Hundefutter-Spott, mit blonden Extansions überzeugte er als Windhund zwischen  Fotomodellen im Auftrag einer Stromfirma und als Jack-Russel apportierte er Zeitungen in die Kulisse eines kleinbürgerlichen Eigenheims. Es sah so aus, als ob Ernie ein glücklicher Hund werden könnte, denn sein Beruf erfüllte ihn. Hier konnte er zeigen, was in ihm steckt, seine ungeliebte Pudelidentität hinter Kostümen verschanzen. Dann kehrte die Routine ein, immer wieder sollte er den braven wie dümmlichen Kläffer mimen, schwanzwedelnd mit niedlichem Augenaufschlag.  Ernie fühlte sich zunehmend unterfordert, fraß seinen Frust in sich hinein. Seine Darstellungen wurden nachlässiger und die Booking‘s für den mittlerweile übergewichtigen Pudel seltener. Die Agentur versprach neue Herausforderungen, er sollte beim Fernsehen arbeiten in einer Serie als Assistent eines polizeilichen Ermittlers. Die Tätigkeit schien anspruchsvoll,  bis Ernie am  Drehbuch schnüffelte . Die Rolle des Rex war schlecht recherchiert wie banal und heimlich hoffte Ernie auf eine Anstellung beim Off-Theater.

Dies jedoch würde nie passieren, zu gering der Lohn, zu wenig Verständnis von Seiten des Frauchens. Ernie steht in der Dämmerung und wartet auf ein Auto. Flirrende lichter ziehen vorüber. Langsam zählt er rückwärts von 10… bei 6 rennt er los auf die Mitte der Straße. Ein Kleintransporter bremst. Ernies Herz rast. Vorsichtig nimmt der Bühnenbildner den Hund auf den Arm. „Wo kommst du denn her?“ – fragt er und legt Ernie auf eine leicht muffelige Decke auf die Rückbank. Ernie schließt die Augen. Es fühlt sich an wie zuhause.

Bild: Bastian Schreck www.bastian-schreck.de

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