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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 143: Zwischen den Jahren

Chez Icke

Diese Kolumne wurde in Hektik verfasst, zwischen den Jahren, einen Tag vor Weihnachten, Mutter im Nacken, Geschenke nicht zusammen, 20-Meter-Schlange vor der Post. Nun hier der Versuch Heiteres zu formulieren. Dabei habe ich vorhin noch auf dem Karstadt-Kunden-WC geheult, weil es ein bestimmtes Produkt  nicht gab, weil die Nerven blank lagen und dieses Weihnachten einen so dermaßen schafft und ich verstehe, wenn Menschen zum Amoklaufen den 23.12. als überaus geeigneten Termin empfinden.
Dann kam dieser Anruf mit der Nachricht, dass die Übergabe eines Geschenkes bevorsteht, so groß und schwer, dass man es nicht mit zu meiner Mutter aufs Land transportieren könne, sondern ein Schließfach auf dem Bahnhof anmieten müsse. Danach  ging es mir etwas besser und wenn sie das hier lesen ist Weihnachten und dieses ganze, verdammte 2011 vorüber.
Lassen sie mich abschließend nun das tun, was all die Günter Jauchs, Johannes B. Kerners und Ulrich Meyers dieser Welt in diesen Wochen erledigen:  einen Blick zurückwerfen. Ich möchte ihnen Zusammenschnitte von beklemmenden und schönen Ereignissen präsentieren, gedanklich mit passender Musik unterlegt bzw. in Klammern hinzugefügt.

Flop 2011- vergeigtes Bryan-Ferry-Meeting (Musik: Bryan Farry „Avalon“)
Der Fankult zur Person hat Familientradition. Meine Mutter liebt Bryan Ferry, meine Tante sowie deren Tochter, mein Vater bewundert laut Eigenaussage die radikale Eleganz des Künstlers aber nur ich hatte die Einladung zur Ausstellungseröffnung im .HBC mit Möglichkeit zur privaten Audienz. Ha! Leider lief der Abend dann nicht wie geplant. Man sagte, ich könne den Star in einem abgeschirmten Raum für ein paar Fragen treffen, wenn ich zuvor ein Getränk („Please without Gas!“) organisierte – nur als ich wiederkam, war meine forsche Freundin bereits drinnen und verstörte den Star mit Fragen zu Sexismus in Ferry’schen Fotomotiven. Audienz beendet.

Tier 2011 – Bretonisches Zwergschaf  (Musik: Gonjasufi „Sheep“)
Regelmäßig spiele ich ein Spiel Namens „Endhaltestellenlotto“. Hierzu setzt man sich an eine Haltestelle, nimmt das erste öffentliche Verkehrsmittel, was kommt,  reist bis zur Endstation und ckeckt vor Ort die Lage. Im August landete ich an einem Feldweg in Caputh. Ich lief ein paar Schritte, bis ich vor einer eingezäunten Wiese stand. Hier weideten Tiere, die ich nie zuvor sah, beeindruckende Geschöpfe, kaum höher als Reiskochtöpfe: wollig, lebhaft, aufdringlich! – Seither träume ich von einer eigenen Mikro-Schafe-Zucht.

Club 2011 – Last Exit Landsberger (Musik: Todd Terje „Inspector Norse“)
Bevor der Club so richtig bekannt wurde, war er schon wieder weg.  Das Gebäude der ehemaligen „Pfennigland“-Filiale am S Bahnhof Landsberger Allee  ist inzwischen abgerissen. Im Februar noch, zwischen sauguten Lichtinstalationen und überquellenden Aschenbechern, hielt ich hier morgens um vier einen betrunken-pathetischen Vortrag über die Großartigkeit Berliner Partykultur, die nur durch stetigen Wechsel und in Momentaufnahmen erlebbar sei, und dem – so mitten im Fallbeispiel – natürlich niemand zuhörte.

Idee 2011- Chez Icke (Musik: Udo Jürgens „Auf der Suche nach mir selbst“)
Gesine Dankwart’s Idee einer Bar, die Interntet, Variete und Party miteinander verbindet, hat mich umgehauen. Es hatte zuvor nur etwas gedauert, bis ich überhaupt verstand, worum es hier ging: …Kneipe? …Theater? …W-Lan? …Barpersonal steuern übers Laptop? …WTF?  „Probelauf für eine nahende Zukunft“ – beschrieb eine Tageszeitung treffend und ich bin heilfroh auf der Teststecke an Bord gewesen zu sein. Danke Marcus! Danke Chez-Icke-Team!

Danke 2011!

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