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Zwischen Disko und Dispo, Folge 145: Berliner Tresengespräche

Tresengespräche

Letztens stand ich an einer Bar in Mitte. Ich sprach ausschließlich mit freundlichen und gut gekleideten Leuten, die Cocktails waren exzellent  – es fühlte sich nur überhaupt nicht nach Berlin an. Ich versuchte mich zu erinnern, wann sich Tresengespräche in Berlin mal besonders nach Berlin anfühlten und weil es mir nicht einfallen wollte, startete ich eine Umfrage auf Facebook. Marcus R. schrieb: „Mein Klassiker sind die beiden Suffis um die 50 im Metzer Eck. Nach 30 Minuten schweigen und Herrengedeck kippen, lehnte sich der eine zum anderen, tippte mit dem Finger auf den Tresen und sagte: Also wenn’s zum Kriege kommt, WENN’S zum Kriege kommt, ich versteck dich!“
Ich mochte Marcus Geschichte, sie erinnerte mich auch an Moabit. Wir standen da mal in einer Kneipe bei halben Litern Bier, im Hintergrund liefen die Dire Straits und es gab Erdnussflipps in Schälchen. Der Barmann sagte: „Das alte Gerichtsgebäude drüben steht leer.“ Aha, dachte ich, jetzt geht‘s los. Leute werden kommen um Partys und Streetart-Ausstellungen zu veranstalten, Studentenzuzug, Galerieeröffnungen, Bubble-Ice-Tea-Shops, gefolgt von Start-Up-Unternehmern in Survival-Outdoor-Jacken.
„Ne, ne. Das dauert hier noch. Erst mal ist Neukölln-Süd dran.“ – meinte einer, der offensichtlich Gedanken lesen konnte und hauptberuflich Partys in kaputten Industrieanlagen ausrichtet. Als der dann sein Bier hob und „Prost“ sagte, betrat eine Frau mit Tasche das Etablissement. Ihre Tasche war wirklich riesig.
Es saß sich gut da am Tresen in Moabit. Wir dachten uns TV-Formate aus, wie die „Heavy-Metal-Garten-Show“ – rasant geschnitten, maximale Lichteffekte, Rock-Star-Frisuren, Gartentipps. Der Barmann fand‘s gut. Ich beobachtete die Frau, die sich an einen Tisch gesetzt hatte und dabei war, etwas umständlich aus ihrer Tasche zu heben. Ich staunte nicht schlecht, als sie ein sehr großes Ei freilegte, eine Art Dinosaurierei. Nach und nach kamen Gäste an ihren Tisch, sprachen ein paar Worte und nahmen das Ei in den Arm – ein absurdes Bild. Ich schaute mich um, aber es gab nichts, was auf eine dieser „Versteckte Kamera“-Shows hindeuten könnte. Als die Frau an den Tresen kam, um einen Wein zu ordern, sprach ich sie an. Sie erklärte mir, dass sie das Ei seit Oktober 2011 betreue. Im ersten Monat bemühte sie sich zudem um eine konstante Temperatur (24 Grad), was bedeutete, sie transportierte neben dem Ei auch noch eine Wärmflasche durch die Stadt. Inzwischen genüge soziale Wärme, sagte sie, und bei kurzen Gängen, wie in den Supermarkt, nähme sie es ohnehin nicht mehr mit. Die Frau wirkte klar und fröhlich und als sie erzählte, sie hätte inzwischen eine enge persönliche Bindung zum Ei aufgebaut, da nahm ich es dann auch mal in den Arm. Es hatte schon paar Risse in der Schale, fühlte sich aber überraschend gut an: warm, liebenswert und ein bisschen kaputt  – so ähnlich wie ein Tresengespräch nachts in Moabit.

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