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Zwischen Disko und Dispo, Folge 146: Adios, Berlin!

Jackiesblog05Das wars dann. Ciao und Adio‘s Muchachos! Die Partyhauptstadt kann einpacken. Die Presse gibt sich apokalyptisch: „Angst vor Clubsterben in Berlin“ (Tagesspiegel), „Berlin als Reiseziel immer langweiliger“ (Der Westen).

Jetzt heißt es schnell reagieren. Als Nachtlebenreporter droht die Langzeitarbeitslosigkeit und eine Übersiedlung in die nächste, hoffnungsfrohe Disko-Dispo-Metropole scheint unausweichlich. Ich plane einen Club in Athen zu eröffnen. Nach Telefonat  mit einer Griechischen Immobilienmaklerin bin ich zuversichtlich eine abgehalfterte 80er-Jahre-Discothek inklusive Personal zum Schnäppchentarif erwerben zu können. Zur Eröffnung werden im Tip 20 Gästelistenplätze verlost. Ich wollte den Flug schon im Januar buchen, aber ich kam nicht dazu. Beinahe jede Woche eröffnen neue Clubs in Neukölln, Wedding oder Friedrichshain– ehrlich, ich komme zu nichts mehr!

Um so erschrockener war ich, als ich durch den RBB über den Tod des Berliner Nachtlebens informiert wurde, am Beispiel Prenzlauer Berg-  offen gesagt recherchierte ich dort seit Jahren nicht mehr. Ich bin beruflich auch nur selten in Charlottenburg oder Lichtenrade unterwegs. Derart alarmiert habe ich mich dem Protestmarsch des jüngst geschlossenen Klub der Republik angeschlossen. Ich lief mit Wollmützen-Vätern und Disco-Müttern durch den halben Prenzlauer Berg einem Sarg hinterher. Drinnen lag eine Lampe, die, stellvertretend für die Berliner Clubkultur, im Mauerpark beerdigt wurde. Wir waren knapp 100 Leute, das Presseaufkommen sensationell. Ich bat einen Demonstranten um Info‘s,  ich selbst war ja nur 2 mal im Klub der Republik. Er meinte, er wäre auch nie dort gewesen. Unwirsch rief ich bei der Clubkommission an. Ob es sein könnte, dass die Presse mit ihrer Berichterstattung ein wenig übertreibt, habe ich gefragt, und wie es angehen könnte, dass ich, so mitten in der Clubsterben-Saison, mehr denn je über Eröffnungen berichten müsste. Man erklärte mir die Situation als schleichenden Prozess. Die Clubs würden über Jahre immer mehr an die Ränder der Stadt gedrängt. Flächen in der Innenstadt werden nicht mehr für Zwischennutzungen freigegeben. Ehemalige Partymeilen werden zu Wohnstraßen erklärt, ansässige Clubs müssten in Folge mit  Lärmklagen und Mietkündigungen rechnen, auch neben dem Kater Holzig wird ein Wohnhaus gebaut… Der Prenzlauer Berg ist demnach nur eine Station auf dem Weg des schleichenden Siechtums, an dessen Ende der Clubkulturelle Supergau, eine Art Hannover, steht.  

Die Argumentation hatte mich überzeugt, auch weil sie mir bekannt vorkam, ich hatte sie nur vergessen. 2001 blockierte der Aktionskünstler Iepe im Harlekin-Kostüm mit einem Truck voller besoffener Clubgestalten (inklusive Nachtlebenreporter) die Kreuzung vor den Hackeschen Höfen. Die Aktion sollte auf die schlechte Situation der kleinen Clubs und Kulturbetriebe in Mitte aufmerksam machen.

Der Berliner Senat reagiert überraschend, nur 11 Jahre später, mit einem 1-Millionen-Euro-Zuschuss für die neu gegründete Ansprechstelle für Populäre Musik in Berlin. Das „Musik Board Berlin“ möchte, zumindest teilweise, auch für Clubkultur zuständig sein.

Ich bitte darum, mir nach Athen telegrafieren, sobald das Nachtleben reanimiert wurde!

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