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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 148: Kurzfilm

Jackie A.

11.20 Uhr Sorgenvoller Blick in den Spiegel. Der i-Punkt von „Lidl“ dehnt sich Tomatengroß über’s Gesäß. Das Kleid klebte ich mir aus 10-Cent-Tüten zusammen, es soll noch bis zum Abend halten. Grund: Gastrolle in gesellschaftskritischem Kurzfilmprojekt. Die beklemmende Finanzsituation von Künstlern soll im Schmalfilmformat dargestellt werden.

11.40 Uhr Handy klingelt. Mitteilung über Drehverzögerung: 1,5 Stunden. Sitze auf leerem Bierkasten und warte, den Blick vom Balkon Richtung Schrebergärtchen gerichtet. Jemand wühlt unwirsch in der Erde. Die Tüten knistern leise…

14.00 Uhr Treffpunkt „Bürger King“. Gemeinsamer Fußweg mit Auftraggeber zum Drehort: Jüdisches Mahnmal in Mitte. Hier Händeschütteln mit weiteren Darstellern sowie Regisseurin, einer winzigen Frau mit Schlapphut und dunkler Sonnenbrille. Erste Anweisung: „Nicht durchs Bild laufen!“

14.15 Uhr  Drehauftakt. Tänzer im hautengen Dress posiert schwanenseehaft auf den Stehlen – „Großartig!“ ruft Regisseurin. Securitymitarbeiter ist anderer Meinung, brüllt von hinten: „Komm da runter… Idiot!“

15.00 Uhr Drehstop. Aus unbenannten Gründen muss mit Ersatzkamera gefilmt werden, welche an unbekanntem Ort abgeholt werden muss. Mit Schwanensee-Mann warten und frieren. Dabei plaudern über Pina Bausch, U-Bahnfahren mit Vladimir Malakhov, sowie Vortanzen am Friedrichstadtpalast. Endlich: Kamera da. Drehbeginn.  Eine Gruppe Touristen rollt auf Segways langsam durchs Bild…

16.00 Uhr Hektik wegen drohendem Sonnenuntergang – Lichtproblematik! Taxifahrt zum nächsten Drehort, Strausberger Platz. Auf der Rückbank praktische Tipps erhalten zum Tragen eines Suspensoriums.

16.20 Uhr Drei Flaschen Clubmate fordern ihren Tribut: muss sofort aufs WC! Raus aus dem Taxi, im Dauerlauf in den nächsten Supermarkt rein. An der Fleischtheke von „Rewe“ Frau Kaminski in „Lidl“-Tüten gehüllt, die Not schildern. Dann 0,4 km durchs Kellergeschoss geführt und in einer Personaltoilette zurückgelassen werden. – Tausend Dank, Frau Kaminski!

16.50 Uhr Positionierung zum Wettrennen mit Einkaufswagen vor Ampel am Strausberger Platz. Bei Grün: los! Tänzer rast, Auftraggeber hinterher, ich geb‘ alles und doch zu wenig – bleib‘ 20 Meter hinten dran.

16.56 Uhr Schwitzend Tütenoberteil aufreißen, stummer Zeuge: eine Karl-Marx-Statue. Hat eigentlich irgendjemand eine Vorstellung, wie anstrengend es ist, in der Rushhour um den Strausberger Platz zu rennen?

17.00 Uhr Drehabbruch.  Atemlos auf den Einkaufswagen stützen und Erklärung der Regisseurin anhören: „Sorry Leute, aber das macht keinen Sinn. Sowas will keiner sehen.“ Neuer Drehtermin: bald. Verabschiedung: jetzt.

17.10 Uhr Heimweg. Kritik zur beklemmenden Situation von Künstlern wird statt auf Schmalfilm, in der U-Bahn verarbeitet: mimisch, mit bösem Blick.

Jetzt neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

Folge 148: Kurzfilm!

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