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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 150, Doktor h.c. Dancefloor

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Trage heute das teure Schwarze. Habe einen antiken Ohrensessel bei Ebay ersteigert und ein leere Truhe in die Mitte des Zimmers gerückt in Erwartung von zentnerweise Glückwunschkarten, Präsentkörben und Blumenbouquets. Für Frau A. ist eine neue Ära angebrochen, die des guten, hochwertigen Lebens, ermöglicht durch ein überraschendes Angebot im Rabatt-Onlineshop. Man hörte ja schon öfter davon, ein Mausklick kann das Leben verändern, beziehungsweise die besten Angebote gibt es im Internet. Dabei waren meine Erfahrungen mit dem Anbieter Groupon  bisher nur mäßig befriedigend. Ich zahlte zirka ein dutzend Fremdsprachen- und Poweryogakurse, die, vom Gewissen gebucht, vom Körper leider nie besucht wurden. Ich orderte auch mal das traumatische Topangebot: „4 zum Preis von 1 – Fotoprintmotiv deiner Wahl auf Kuschelkissen“ –  eine Woche später traf die Bestellung ein.  Ich riss das Päckchen auf, die Ware ging krachend zu Boden. Das Antlitz des Partners lag vierfach im Zimmer verteilt, mit Styroporkügelchen ausgestopft und seltsam verzerrt- die Schutzimpregnierung verlieh ihm zudem einen fettig- ungesunden Glanz. Die Kissen lagern seither unter einer Plane im Keller, den ich nie mehr betrat.
Die Geschäftsbeziehung zum Onlineshop nahm ich wieder auf, weil mich ein Newsletter mit unglaublichem Angebot erreichte. „Ehrendoktortitel – Mit Doktor h.c. vor dem eigenen Namen für Aufsehen sorgen – war zu lesen – Rabatt 74 %“
Ich dachte erst an einen Scherz, die kurze Recherche ergab jedoch: alles korrekt. Ich habe dann den günstigsten Titel, einen Doctor h.c. for Exorcism für 39 Euro bestellt. Ich dachte an die strahlenden Augen meine Mutter, während sie unserer verdutzten Verwandschaft die frohe Botschaft überbringen würde. Den exakten Titel würde sie ohnehin gleich wieder vergessen. Als Doktor h.c. könnte ich deutschlandweit dozieren. – Worüber ist zweitrangig, da die Menschen, wie so oft, wenn ein Doktor oder irgendein besoffener Adeliger die Stimme erhebt, in Ehrfurcht erstarren würden. Meine Studien über Raumzeitkrümmungen im Kumpelnest 3000 würden dann am Max-Planck-Institut genauso wie  auf Charityveranstaltungen der Begum Inara Aga Khan mit großem Interesse verfolgt und allgemein als ‚erfrischend‘ bewertet.
Stets würde ich bei offiziellen Terminen einen dunklen Mantel tragen und außerdem einen Sekretär einstellen, der die Termine koordiniert für eine neue, hoch dotierte Beratertätigkeit im Partysegment. Herzstück des Geschäftsmodells ist ein Notfalltelefon. Den Ehrendoktor der Berliner Partynation und Miami Church können Veranstalter Nachts unter 030- 6662000 erreichen, falls der Event nicht so läuft, wie geplant. Vor Ort würde ich eine sofortige Analyse durchführen und diese anschließend vor Gästen am Mikrofon, im Sprechgesang auf Downbeats des DJ’s predigen. Die Party würde hiernach vielleicht nicht mehr zu retten sein, mein Honorar jedoch könnte der Veranstalter, wie das eines Steuerberaters, absetzen. Dieses Geschäftsmodel ist nicht nur von der Berliner Clubcommission abgesegnet, ich habe es mir bereits lizensieren lassen.
Der offizielle Titel wird mir, laut Onlineshop, in wenigen Tagen per Post zuschickt – Ihre Glückwünsche nehme ich aber gerne auch schon heute, online, entgegen.

Jetzt neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

Folge 150: Dr. h.c. Dancefloor

 

Plötzlich Professor!

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