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Zwischen Disko und Dispo, Folge 151: Interview im Kumpelnest

Kumpelnest 3000„Klack-Klack-Klack“ – eiliger Schritt über die Kurfürstenstraße. Der Auftrag: prominente Dragqueen durch ausgewählte Lokalitäten begleiten und dabei ein Interview führen. – Der Fehler: starten im Kumpelnest 3000–  eine goldene Regel besagt: Nie sollst Du im Kumpelnest beginnen, immer nur enden! Tag zwei nach der Panoramabar wäre zum Beispiel ein geeigneter Kumpelnesttag oder Tag drei nach dem Golden Gate, doch hier treffen wir uns nun, gleich zu Beginn von Nacht eins. Und es war ja nicht so, dass ich nicht vorbereitet war. Schon 1992 war ich zu Gast im Kumpelnest. Die Erinnerungen beschränken sich auf Detroit Housemusik, einem knutschendem Pärchen auf dem Sofa  und Pleautauturnschuhen, die an dürren Beinen über den Tresen staksten. Die aktualisierte Recherche (Internet) ergab: Absturzladen Nummer Eins, ehemaliger Puff, mit eigenem Theaterstück in den Sophiensälen geehrt, 25-jähriges Jubiläum. Ich packte also mein Aufnahmegerät in die Tasche und nach einem fettigem Abendbrot (Lachs) nahm ich noch ein paar Schlucke aus der Olivenölflasche. Ich hielt dies für eine gute Grundlage für die 5000 Gin Tonic, Sekt und Schnäpse, die in der Nacht noch offeriert werden würden und von denen erfahrungsgemäß – nach erstem Protest – jeder Dritte getrunken würde. Ein Greis in Highheels wird mir später erläutern, dass der Trick ein alter Hut sei und schon Zarah Leander berichtete, wie sie Öl aus Sardinenbüchsen trank, um Wirtschaftsminister unter den Tisch zu saufen.
Weitaus besorgniserregender schien mir mein Interviewpartner, die schwule Partyministerin, die schon am Tresen des Kumpelnest wartete, 2,07 Meter groß und trinkfest wie eine schwedische Erdölplattform. Sie trug eine rote Perücke und grüßte mit markerschütternden Lachen. Nach einem Sekt wollten wir weiter in den Südblock ziehen, anschließend vielleicht einen Abstecher ins Möbel Olfe machen und kurz im Monarch „Guten Abend“ sagen bzw. Barfrau Miriam gratulieren, die im Wild at Heart ihren Scheidungstermin feiert, ach ja… und eine Karaokebox wurde bei Monster Ronson reserviert… Ein Blick auf die Uhr sagt: 5 Minuten haben wir noch. Zeit für einen letzten Toilettengang. Der schmale Weg liegt im roten Licht vor mir. Dann plötzlich, ein seltsames Gefühl. Es knirscht. Es ist, als würde sich im Kosmos aus goldgerahmten Bildchen, angelaufenen Pokalen, Wandteppichen, Lichterketten und alten Diskokugeln etwas verschieben, so als würden leise ratternd Messing-Zahnrädchen ineinandergreifen, und  irgendwo hinter all dem Plüsch und Kitsch eine riesige Apparatur ihre allabendliche Arbeit aufnehmen und die Gäste in bunte Zeitlöcher des unendlichen Absturzuniversums versprengen.
Als ich zurück komme, ist es, als wäre ich seit ’92 nicht fort gewesen. Der Barmann wechselt die Kassette mit Detroit-Housemusik. Die Luft riecht nach Zigarettenrauch aus mehreren Jahrzehnten und auf der Plüschcouch knutscht ein Pärchen. Ich schiebe mich an einer Gruppe Tanzender vorbei, die Partyministerin sitzt mit gelangweilter Mine an der Bar und raucht. Ein Greis in High Heels steht daneben mit einem Aufnahmegerät – meinem Aufnahmegerät! – und brabbelt unverständliches über Ölsardinenbüchsen und Zarah Leander hinein. Das Gerät könnte ich in Tausch gegen einen Gin wiederbekommen, bietet er an und wir diskutieren eine Weile im Raum ohne Zeit, während eine Reisegruppe, wohl aus Finnland, eintrifft um Geburtstag zu feiern, dann kommt DJ das Amt. Es ist ungefähr vier Uhr als mir klar wird, das mein Interviewpartner, die Ministerin, ohne Interview die Szenerie verließ. Eine unbekannte sitzt stattdessen auf dem Barhocker und legt ihren schweren Arm über meine Schulter. Zahnrädchen rattern, Nacht eins wird zu Tag zwei. Mit der flachen Hand wischt der Barmann ein paar Krümel vom Tresen, sagt: „Der nächste  Gin geht aufs Haus“.

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Folge 151: Kumpelnest

 

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