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Zwischen Disko und Dispo, Folge 152: Keine Blume für Mutti

WaschmaschineWenn Blumenläden und Süsswarenhändler auf Warnschildern mal wieder ankündigen: „Am 10. Mai ist Muttertag!“ – dann möchte ich, einem Impuls folgend, in so ein Geschäft eintreten und fragen, ob ihnen die Mütter ihrer Kunden eigentlich bekannt sind. Vielleicht würde ja dann endlich die Abstrusität des alljährlichen Kaufaufrufs von Pralinenschachteln und Schnittblumen zum 10. bewusst werden.
Natürlich kann ich hier nur für eine Mutter sprechen: meine. Sie heißt Ingrid, ist Jimi- Hendrix-Fan und unvereinbar mit einem Feiertag, der mit Backrezepten, Mutter Beimer bzw. „Hemden für Vati bügeln“  assoziiert wird – Letzterer stand ohnehin nur selten zur Verfügung. Seit meinem sechsten Lebensjahr hat meine Mutter die Themen „Kinder aufziehen, Familie ernähren, Vorbild sein“ im Alleingang gerockt und ich käme mir ziemlich bescheuert vor, dies nun mit einer einer Schachtel „Mon Cheri“  würdigen zu wollen. Als Kind der 68er Generation und wohl auch aus Zeitmangel hat sie sich für ein antiautoritäres Erziehungsmodel entschieden, was bedeutete, Niemand durfte so lange wie ich draußen bleiben. Das Zeitdefizit der schichtarbeitenden Mutter wurde mit einem überdimensional hohen Taschengeld kompensiert, sowie der Versorgung mit ständig neuen Haustieren. Ich besaß Schildkröten, Frösche, Katzen, Hunde, Wellensittiche und ungezählte Hamster. Man kann nicht sagen, dass dies immer gut für die Haustiere war, aber ich, das Kind, genoss stille Momente des Glücks als früher Tierhalter in der DDR.
Auftakt bildete ein Weihnachtsfest Mitte der 70er Jahre. Der Weihnachtsmann kam und brachte eine mit Handkurbel betriebene Kinderwaschmaschine und meinen ersten Wellensittich. Während später am Abend meine Mutter mit dem Weihnachtsmann im Wohnzimmer stritt , stieg ich 3-jährig aus meinem Bett und packte den Wellensittich mit entschlossener Kleinkindsfaust an den Schwanzfedern, um ihn zum Zwecke der Reinigung ins neue Gerät zu stecken. Der zu Tode erschrockene Sittich schaffte die Flucht aus dem offenen Fenster. Ein anderes mal, in einem Anfall falsch verstandener Fürsorge, trug ich Frösche aus dem Gartenteich in mein Zimmer und deckte sie leise und ordentlich im Miniaturbettchen meines Puppenhauses zu. Am nächsten Morgen waren die Frösche vertrocknet und die Stimmung dementsprechend. Täglich erreichen mich E-Mail-Petitionen gegen Menschenrechtsverletzungen, Tierversuche und allgemeines Unrecht in der Welt – für drei Froschlurche kommen sie Jahrzehnte zu spät!
Vermutlich wäre auch die improvisierte Rasur der teuren Karthäuser-Rassekatze einen Bericht wert, deren Fell mit stumpfer Papierschere auf „Siam-Kurzhaar“ getrimmt werden sollte, doch längst schon ist hier das Thema verfehlt. Es geht ja um den Muttertag, den trutchenhaften, der wahren Heldinnen nicht annähernd gerecht wird, und meine Mutter Ingrid ist eine Heldin. Eines Abends, 1989 nach der „Tagesschau“, hat sie meine Schwester und mich in einen Trabant verfrachtet. Wir fuhren Vollgas Richtung Tschechische Grenze. Stunden später,  angekommen auf einem nachtschwarzen Platz in Prag, rannten wir auf mütterlichen Befehl so schnell wir konnten, vorbei an postierten Panzern der sozialistischen Streitkräfte, die Umrisse schwarzer Kanonenrohre waren drohend gen Platz gerichtet. Meine Mutter trug meine kleine Schwester auf dem Arm und stürzte auch einmal bevor wir schwitzend und außer Atem die Türen der Botschaft der BRD erreichten. Kurz darauf saßen wir im Zug Richtung Westen. Meine Mutter spricht nicht darüber, aber sie hat es für uns getan, für mich und meine Schwester, damit wir in Freiheit aufwachsen können. Dafür bin ich ihr bis heute dankbar und finde soviel weibliche Courage hat durchaus einen Festtag verdient.  Wir feiern dann spätestens am 8. März.

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Folge 152: Keine Blume für Mutti

 

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