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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 154: Ferienlager


Lecker Analogkäsepizza

Berlin ist nicht die schlechteste Stadt, um bei guter Unterhaltung alt zu werden oder um viel zu schnell, immer noch noch jung, im Unterhaltungsüberangebot  zu vergreisen. Und wenn sich in diesem Sommer wieder die Menschen zu Outdoorpartys im Görlitzer Park, unter Brücken in Treptow, auf der Terrasse des Kater Holzig  oder den Parkplätzen vor „Netto“ begegnen, dann weiss man nicht, wer hier jetzt eigentlich jung und wer alt ist. In der Demokratischen Partyrepublik Berlin wirken alle gleich fertig, mit dick Glitzer um rotgeäderte Augen geschminkt, die Vorzüge des Partylebens lallend und mit sektsaurem Atem anpreisend… Es ist auch nichts Unnatürliches daran, im Alter von ungefähr 40 Jahren in ein Kinderferienlager einzuchecken und mit der S-Bahn und einem Turnbeutel, gefüllt mit Konfetti und belegten Broten, reiste ich zum Müggelsee in ein ehemaliges DDR-Jugendorf. Beim Pfingstfestival mit Neptunfest und DJ Kotze planten meine Freunde vom Literatursalon eine Lesung. Sie waren die Nacht zuvor eingetroffen. Nach kurzer Suche fand ich sie in einem Bungalow mit Doppelstockbetten und zwei  kahlen Fichten vor der Tür. Es war 16 Uhr und Salonbetreiber T. saß beim Frühstück. Die Pizza sah wirklich unappetitlich aus und statt Serviette lag ein „Glitzi“-Haushaltschwamm neben dem Teller. Es gab Wodka im Zahnputzbecher und rings um standen Kaffeetassen randvoll mit Zigarettenstummel gefüllt. Das Gesicht des Literaten war mit karottenfarbenen Flecken bedeckt und die Augenbrauen hatten die Form orangener Balken – eine Selbstbräunungscreme aus dem Discounter war wohl schuld. In Anbetracht dieses Feiertagsstilllebens setzte sogleich das „Flughafen-Schönefeld-Syndrom“ ein, was bedeutet, statt schreiend die Szenerie zu verlassen, reagiert Mensch gegensätzlich zur Situation und berechtigte Bedenken werden von einer Flutwelle der Berliner guten Laune fortgespült. Wir lachten also ununterbrochen, kochten Spaghetti und drehten Filmchen für die „Art Basel“, wobei die ausgelassene Stimmung durchaus einem Moment flüchtiger Besorgnis wich, beim Anblick zweier junger Leute, die sich entschlossen, erste halluzinogene Erfahrungen ausgerechnet zwischen T.’s Analogkäsepizza und hunderten Kronkorken zu sammeln.
Die Lesung sollte gegen Mitternacht beginnen, doch der Kontrollverlust der Kollegen setzte schon viel früher, im Grunde seit gestern ein. Am Ufer sah ich sie in Hausschuhen beratschlagen, wie man auf der Wasserbühne – eine Art Brett, schwimmend in der Mitte des Müggelsees – Mikrofone und Licht installieren könnte. Die allgemeine Ratlosigkeit wurde sehr schön versinnbildlicht durch einen Betrunkenen, der mit desolatem Feder-Kopfschmuck quer über dem Brett lag und schlief. Nach Klärung der wichtigsten technischen Probleme – „Getränkebons für alle“ – ging es gemeinsam über das Gelände auf der Suche nach flauschigen Sommerimpressionen, einem heißen Kaffee oder ja – mein Gott! – vielleicht auch einem anständigen Quicki. Es folgten jedoch ausschließlich Gespräche mit alten Menschen über das „alt werden“ oder mit Jugendlichen, die sich für unsere leeren Pfandflaschen interessierten. Die schönen Stunden, das Bier sowie die Hoffnung auf ein würdevolles Pfingstwochenende versickerten nur so im Sand und als „WhoMadeWho“  ihr Konzert begannen, dämmerte es bereits. Eine Frau trug feierlich einen aufblasbaren Weihnachtsbaum zur Bühne – dahinter standen alt und jung  auf der Wiese, alle irgendwie gleich fertig, tänzelnd und lallend die Vorzüge des Lebens in Partyberlin anpreisend…

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Folge 154: Ferienlager

 

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