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Zwischen Disko und Dispo, Folge 156: Adieu EM!

Jana? Wo bist Du?

Meine Beziehung zum Fussball ist eine missglückte, von seelischen Qualen geprägte, und sobald die Begriffe EM, Abseits oder Elfmeterschießen fallen, möchte ich nackt und schreiend über die Straßen Berlins laufen, bis  eine mitleidige Arzthelferin mir ein weißes Jäckchen überwirft und sagt „Nun ist ja alles vorbei.“ – Aber ist es das wirklich?
Auf der Kastanienallee saß ich am Tisch eines Cafes, bemüht einen Text zu formulieren. Ein zirka 10 jähriger Junge schaute interessiert aus dem Fenster der 2. Etage des Altbauhauses gegenüber.  Ich blinzelte in die Sonne und dachte nach. Als ich den Stift zum Schreiben ansetzte, erklang ein Ton – lang, markerschütternd und alles hinfort blasend, was sich zuvor zart im Kopf zusammen spann. Verdattert suchte  ich nach dem Ursprung des Lärms. Am Fenster gegenüber stand zufrieden lächelnd der Junge. Für die nächsten 90 Minuten hatte er eine schöne Aufgabe gefunden. Und jedes mal, wenn ich den Stift auf’s Papier setzen wollte, trötete er mit seiner Vuvuzela ein schief-schmerzvolles Lied. Ein Lied von Zeiten infantilem Chorgebrülles und schimpansenhafter Fangruppen, die blökend und kotzend, mit schwarz-rot-gelben Hawaiketten behangen, die Treppenaufgänge zur U2 blockierten.
Die wunderbaren, alles vereinenden EM Momente – mir sind sie entgangen! Eine Freundin rief Nachts um 4 verheult bei mir an. Ihr Partner war vom Public Viewing im „Weltempfänger“ nicht zurückgekehrt. Die  letzten Handytelefonate des Paares waren von Störgeräuschen und Gesprächsausfällen bestimmt. Zuvor gewann Deutschland das Spiel und ein gewisser Luzifer (Name von der Redaktion nicht geändert) feierte seinen Geburtstag. Wie sich später herausstellte, verlor der Partner die Orientierung zwischen Vodkageschmettere, publikumsübergreifendem „Hallo“ und diffuser Siegeseuphorie, am Ende wurde noch mit der falschen Frau getanzt. Gegen 2 Uhr schickte er seiner Freundin eine SMS mit den Worten „Jana? Wo bist du?“ – die Freundin heißt leider Julia und die Harmonie der Beziehung war fortan gestört.
Es ist ja nicht so, dass ich es nicht versucht  hätte mit dieser EM. Das Spiel Frankreich – Spanien schaute ich mir auf Großleinwand in einer Lokalität in Neukölln an.  
Parallel zur Spielübertragung fand auf dem Gelände eine After-Hour-Party von „Neuwummsland“ statt – und zwar seit dem Vortag. Der Barmann trug Insektenfühler aus Draht und  sonnenbebrillte Menschen rollten, umschlungen in zufälligen Paarkonstellationen, auf Motorhauben alter Trabant-Autowracks hin und her. Ein übernächtigter Gast bewegte sich einsam und unermüdlich in typischen Techno-Tanz- Bewegungen an der Leinwand vorbei, während der Kommentator im Hintergrund „erste Erfolgserlebnisse der Franzosen“ verkündete.
Der Spielstil einzelner Fussballer wurde als „zu unkoordiniert – zu theatralisch“ vom Sprecher verurteilt – dem gab es nichts hinzuzufügen. Noch vor Beginn der 2. Halbzeit verließ ich das Etablissement um am S-Bahnhof Sonnenallee über den bevorstehenden Schienenersatzverkehr informiert zu werden. Meine Beziehung zum Fussball ist leider eine missglückte.

Jede Woche neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

Folge 156: Adieu EM – Keine Liebesgeschichte

 

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