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Zwischen Disko und Dispo, Folge 157: Sommerschlussverkauf? – Nooo!

Demonstranten auf der FriedrichstraßeSamstäglicher Sommerschlussverkauf in der Filiale der Spanischen Damenmodekette Grapefruit. Wankte mit einem Bündel Textilien im Arm, so hoch, dass ich kaum drüber schauen konnte, in die Kabine. Anziehen – ausziehen, 15 mal in Folge mindestens. Soweit ich mich erinnere, kaufte ich alles, worauf ein Schild „30%“ klebte, ein geiles Gefühl!  Der Euro ist demnächst hinüber – die zeitlos changierende Bluse jedoch… hach!
Punktgenau beim Verlassen des Geschäfts gab es einen mächtigen Donnerschlag, der Himmel verdunkelte sich über der Friedrichstraße und sintflutartiger Regen setzte ein. Meine ersten Assoziationen wahren 3. Buch Moses und Strafe von ganz oben. Letztere manifestierte sich zeitgleich offenbar auch ganz unten, direkt vor mir auf dem nassen Asphalt der Shoppingmeile. Ein Lastwagen zog vorüber, behangen mit T-Shirts, alten Jeans und BH’s. Auf der Ladefläche stand ein blasser Raggamuffinkünstler und performte zu Technobässen eines DJs mit beachtlicher Wursthaarfrisur. Via Mikrofon prangerte er jeweils  Shoppingfilialen rechts und links auf der Friedrichstraße an: „Is H&M fair trade?“ Hunderte Leute im Gefolge riefen: „Nooooo!“ – „Is Dolche & Gabbana fair trade?“ – „Nooo!“, „Is Starbucks fair trade?“  – „Nooo!“… Innnerlich vervollständigte mein Gewissen das Frage-Antwort-Prozedere mit: „Is Jackie a fair trade support?“ – „Nooo!“
Bald war klar, die Demonstranten von „Butt x Better“, einer Gegenveranstaltung zur Fashionweek und Modemesse „Bred & Butter“ – sind eigentlich Brüder und Schwestern im Geiste. Und die Verwandtschaft kam so daher, dass man sich wünschte, möglichst nicht in Zusammenhang gebracht zu werden.  
Frauen und Männer tanzten in Müllbeuteln und Jutesäcken gehüllt, mitunter energisch aufstampfend durch Pfützen. Einige trugen dabei unter dem Schuhsolen mit Gaffa Tape befestigte Holzblöcke. Jemand trug einen Pappkarton auf dem Kopf, Aufschrift „König Zarah“. Mein Blick blieb an drei nackten Männern haften, die sich, lediglich mit einem Brot auf den Bauch geschnürrt, gegenseitig mit Butter einschmierten. Ich fragte, ob ich ein Foto machen dürfte. Man lächelte und antwortete mit „Ja“. Von dieser merkwürdigen Veranstaltung hatte ich früher schon gehört. Angeblich sind Mitarbeiter des Clubs „Sisyphos“ involviert, sowie der Verein Inkota, der sich für verstärktes Fair-Trade-Bewusstsein in der Bekleidungsindustrie einsetzt. Man wollte hier wohl auf Doppelmoral von Modeindustrie, Herstellern und Konsumenten aufmerksam machen und erwischte mich leider auf auf frischer Tat. Eigentlich möchte ich kein System unterstützen, in dem Schnäppchenpreise durch saumäßige Arbeitsumstände in Bangladesh oder China zu Stande kommen und ich bezweifle, dass die günstige Bluse noch so geil ist, wenn man die Produktionsbedingungen sieht, den Lohn der Näherinnen, die Chemieabfälle, die nach Färben und Imprägnieren ungefiltert in öffentliche Gewässer abgeleitet werden. Aber auch ich bin nur ein Schaf, welches ohne viel nachzudenken nach grünglänzenden Büscheln schnappt – ein Kind des Systems, in dem turbokonsumiert wird und so wenig geiler ist als Geiz. Bin dann trotzdem ein Stück mitgelaufen und habe mehrmals laut „Nooo!“ gerufen. Schafe landen beim Metzger – Kinder werden früher oder später erwachsen.

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Folge 157: Sommerschlußverkauf? – Nooo!

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