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Zwischen Disko und Dispo, Folge 158: Tschüss, Fischflosse!

Meerjungfrau Jackie A.In Schöneberg traf ich diese Frau. Sie hatte lange, dunkle Haare, volle Lippen, fein geschnittene Gesichtszüge und sprach mit tiefer, irgendwie verheißungsvoll klingender Stimme. Sie rauchte sehr viel, spielte mal in einer Punk-Band Schlagzeug, gründete gerade ein Plattenlabel für Musik, ausschließlich von Frauen, und konnte in Diskussionen äußerst anstrengend werden.
Nachdem ich 1996 Gudrun Gut kennenlernte, war nichts mehr wie es vorher war und bald schon arbeitete ich in einem lustigen Beruf, den es so in der Stadt noch nicht gab.  Die Musikerin angagierte mich als Meerjungfrau für ihr neuestes Projekt, das „Oceanclubradio“, eine Sendung, die sie gerade zusammen mit Lebenspartner Thomas Fehlmann in dessen Heimstudio entwickelte. Es war eine aufwendige Angelegenheit. Ganze Nächte lang wurde am Mischpult rumgetüftelt und mit Sounds experimentiert, bis am Ende eine Art Hörspiel entstand, mit Meeresrauschen, elektronischen Klangteppichen, DJ-Sets und eigenwilligen Rubriken, wie „Betkes wundersamer Erlebnisbericht“ oder „Neues aus der Meeresforschung“.  – in Letzterer ließ man mich ordentlich rumspinnen. Ich erfand  Berichte über absurde Meerestiere und erzählte Geschichten über das Leben einer Meerjungfrau in Berlin.
Ich suchte nach einer Kostümbildnerin, die mir zum Freundschaftspreis ein glitzerndes Meerjungfrauenkostüm schneiderte. Die Fischflosse am Ende des Kleides wurde von Lotte mit Klettverschluss ausgestattet. Bei längeren Wegen konnte sie mit einem krachendem Geräusch einfach abgetrennt werden. Einer Welttournee stand also – abgesehen von meinem fragwürdig wie ostdeutschgeprägtem Englisch – nichts mehr im Wege. Wir tourten mit Koffern voller Deko, Videokram und Soundequipment durch Clubs und Ausstellungshallen, landeten in einem Museum in Bonn, veranstalteten live Radio zwischen wahrhaftigen Meerestieren im Berliner Aquarium und bespielten auch mal die Queen Victoria Hall in London.
Obwohl man im Oceanclubradio wirklich niemals chartkompatible Musik hörte und oft genug sogar schwer Verdauliches vorgesetzt bekam, wurde die Sendung über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. 15 Jahre lang wurde sie auf Radio Eins ausgestrahlt, nach einer Finanzkürzung, zuletzt ohne extra Rubriken und „Mermaid“.
Im Juli nun, am Freitag den 13., lief die vorerst letzte Show und obwohl meine Fischflosse schon seit ein paar Jahren im Keller verstaubt, fällt der Abschied gar nicht leicht. Zu gut war die Fahrten im Tourbus mit der Chilenischen DJ Chica Paula und dem quiriligen Mike Vamp, das übermütig gelebte Meerjungfrauenmärchen, die mit Bildern und Gedichten gespickten Briefe, von Hörern, geschrieben an eine Fantasiefigur, nicht zu vergessen der dicke Taxifahrer, der im Auto Oceanclubradio hörte und irgendwann fragte „Sag’n’se mal, kann dit sein, sind sie die Meerjungfrau?“  – Die Fahrt ging daraufhin gratis nach Haus… Tschüss, Fischflosse – Tschüss, Oceanclubradio! Ihr habt mir sehr viel bedeutet.

Jede Woche neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

Folge 158: Tschüss, Fischflosse!

 

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