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Zwischen Disko und Dispo, Folge 159: Kein Broiler in Marzahn

S-Bahnhof MarzahnMit 17 hatte ich einen Freund in Hohenschönhausen. Wir verbrachten die Wochenenden in seinem Plattenbauzimmer mit Fensterblick auf Plattenbauzimmer im Haus gegenüber. Abends toupierten wir uns die Haare und gingen im Flachbauclub feiern, der exakt so aussah, wie die anderen drei Flachbauclubs im Viertel. Wir tanzten zu The Cure und betranken uns mit Futschi vor der Skyline Hohenschönhausens. Ich habe nur gute Erinnerungen an Hohenschönhausen. Vielleicht weil wir uns in unserer Verknalltheit selbst genügten und es unter der Daunendecke im Schuhkartonzimmer meines Freundes niemals langweilig war. Meine Kumpels im Kiez hatten schon damals nur Verachtung für Marzahn übrig. Wer dorther kam, galt als bemitleidenswert und als „arme Sau“. An diesem Image hat sich bis heute nichts geändert.
Als mich jemand fragte, ob ich Lust auf einen Ausflug nach Marzahn hätte, sagte ich erst nein und dann eigentlich nur zu, da ich in Zeiten des Sommerlochs auf eine zumindest mäßig unterhaltsame Geschichte hoffte ? irgendwas mit Bodybuildern, tätowierten Waden, Kampfhunden und ganz mieser Stimmung.
Am vereinbarten Tag packte ich also Fotoapparat und CS-Gas in die Handtasche und wir fuhren los, eine halbe Stunde mit der U5. Das Erste, was mir in Marzahn begegnete, war ein Mitarbeiter der BVG, der den Passanten am Bahnsteig mit feierlicher Miene einen Handzettel überreichte, auf dem stand, dass soeben ein BVG-Kundenzentrum in Marzahn eröffnet worden war. Es ging also voran.
Vorm U-Bahnhof war die Bebauung überschaubar: Schnellstraße, Supermarkt und ein orangefarbenes Haus in Fertigbauweise. Vor diesem parkte ein kleiner Verkaufswagen: Donauwelle und Bienenstich ? jedoch kein Broiler. Verdammt, ich hatte solche Lust auf Broiler! Wir kauften Donauwelle für 80 Cent und reisten mit dem Bus weiter, vorbei an Plattenbauten und brach liegenden Flächen. Von der Decke tropfte trübe Flüssigkeit auf mein Kleid und auf den Kuchen. Es fühlte sich an wie auf einer Discount-Reise in eine der nicht so tollen Ecken Antalyas. Unser Ziel waren die von meinem Bekannten als wunderbar angepriesenen „Gärten der Welt„. Endlich angekommen erstreckten sich vor uns endlose Rasenflächen. Wir flanierten durch einen Renaissancegarten. Wieder stieg diffuser Broiler-Appetit in mir auf, dazu Erinnerungen an neobarock betopfte Verkaufsflächen der Gartenabteilung des Obi-Baumarkts. Hungrig und schlaff von permanenter Sonnenbestrahlung schlappten wir in einen Irrgarten hinein. Auf Minuten, die wie Stunden vergingen, folgte die Feststellung, dass es kaum Einschläfernderes gab, als zwischen ewig gleich geschnittenen Hecken nach einem Ausgang zu suchen. Etwas später rüttelten uns Blumenmeere in halluzinogenen Farbkombinationen (violett und orange) wieder wach. Wir plauderten über Ägypten, während wir die balinesischen, chinesischen und koreanischen Gärten durchwanderten, mal meckernd, mal von einem Schmetterling verzückt.
Es gab dann Baozi-Dampfbrötchen statt Broiler und einen Morgenlichttee statt einer Dose Red Bull. Anstelle des Staffordshires am Leinenende eines Assis, lugte eine Schildkröte träge zwischen den Seerosenblättern eines Teiches hervor. Die Luft flirrte, das Wasser glitzerte und Unmut stieg auf. Es war zum Kotzen schön! Meine Geschichte war verloren. Als einziger Trost blieben eine Gewitterfront, die schwarz und bedrohlich von Westen her aufzog und die Hoffnung auf einen Broiler, tröstlich-knusprig zum Abendbrot.

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Folge 159: Kein Broiler in Marzahn

 

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