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Zwischen Disko und Dispo, Folge 160: Kein Chichi (Bett im Wald)

Bett im WaldZwei Tannennadeln stecken im Haar, die Bluse ist zerknittert und die sterblichen Überreste einer Ameise kleben in meinem Dekolletй. Ansonsten … doch, ich bin zufrieden! Sie müssen wissen, ich komme aus dem Wald. Ich bin nun vorbereitet.
Aber immer der Reihe nach. Ich sah da diesen Beitrag im TV. Man berichtete von den Folgen der Finanzkrise in Griechenland am Beispiel eines 35-jährigen Paares. Er Taxifahrer, sie Lehrerin mussten ihre Wohnung in Athen aufgeben und leben seither in einer Art Bretterverschlag auf dem Land. Zur Arbeit fahren sie jeden Tag eine Stunde, ihre Kosten reduzieren sie durch den Verzehr selbstangebauten Gemüses. Sie sagten, so kämen sie durch.
Der Beitrag beschäftigte mich und ich fragte mich, angesichts der Horror-Prognosen für ganz Europa, ob ich denn auch vorbereitet war. Was passiert, wenn Selbstverständliches nicht mehr selbstverständlich ist? Kann mein Leben ohne Latte Macchiato, Aveda-Haarstylingprodukte und 50-%-Off-Sushi-Menüs etwas anderes als tiefe seelische Verfinsterung bieten? Ich beschloss, einen Schnelltest vorzunehmen. Ich plante 24 Stunden im Wald auszuharren ? knallhart. Ohne Chichi. Als Vorgeschmack auf den wirtschaftlichen Supergau in Deutschland.
Die Einladung von Schulfreundin M. bestand seit circa 1998 und aus aktuellem Anlass würde ich ihr nun folgen. M. lebt auf einem riesigen Grundstück mitten im Waldgebiet.
Am Wochenende setzte ich mich in den Regionalexpress Richtung Brandenburg. Da die U2 nicht im Baruther Urstromtal verkehrt, folgte ein zweistündiger Fußmarsch über Feld- und Waldwege. Mehrmals hatte ich das Gefühl, an der falschen Stelle abzubiegen, wurde jedoch seltsam gleichmütig auf meinem Weg entlang blühender Gräser und ewig gleicher Stämme knorriger Tannen. M.s Wegbeschreibung war offenbar korrekt, denn am Nachmittag erreichte ich ihr Haus, besser gesagt, ihr Häuschen.
Die Hütte war kaum größer als mein Kleiderschrank, drinnen befanden sich eine Kochstelle, ein Bett und ein Regal.
Ich fragte nach dem Badezimmer und M. deutete auf eine weitere noch kleinere Holzhütte. Das zugehörige Plumpsklo lag am Ende des Grundstücks. Zur Körperpflege lag der Wasserschlauch zwischen Fallobst unter einem Baum bereit, und während ich mir die Hände wusch, war mir, als hörte ich das schadenfrohe Lachen einer Made. Wir begutachteten M.s vielfältigen Gemüseanbau und sammelten Holz für ein Feuer. Mein Magen knurrte und das Aufsammeln schwerer Äste war viel weniger romantisch, als man sich lagerfeuerromantische Vorbereitungen vielleicht so vorstellt.
Bei Einbruch der Dunkelheit war ich wirklich sehr hungrig und wir hielten Zucchininistücke übers Feuer. Ich aß vielleicht 19 Stück des schnöden Gemüses ? es schmeckte phantastisch. M. hatte am Feuer wilde Storys auf Lager, meist Weltuntergangsszenarien verursacht durch Angriffe von Aliens. Hündin Rosy machte sich währenddessen in hundeerotischer Mission an meinem rechten Fuß zu schaffen.
Wir tranken alten Portwein, den M. für besondere Gelegenheiten bereithielt, und schauten in den Sternenhimmel. Ich konnte die Milchstraße sehen, später auch Sternschnuppen. Es waren so viele, dass mir am Ende nicht mehr einfiel, was ich mir noch wünschen könnte. Ratlos wünschten wir uns eine Gute Nacht und gingen zu Bett.
Ich hatte es im Freien aufgebaut, gleich neben dem Wald. Es war inzwischen so kalt geworden, dass ich meine Klamotten anließ, inklusive Wetterjacke. So eingepackt lag ich im Schlafsack und wartete vergebens auf Müdigkeit. Ich hörte in der Dunkelheit Äste knacken, ein Rascheln dicht neben mir. Wildschweine, Marder, Rehe und Wölfe sollen in der Gegend leben. Das störte mich nun doch erheblich. Als ich um 3 Uhr morgens immer noch keinen Schlaf finden konnte, klopfte ich an M.s Hütte und erklärte, dass sie ihr Bett mit mir teilen müsse. Wir quetschten uns auf ihre Pritsche und M.s gleichmäßiges Schnarchen drang noch einige Zeit in meine ohropaxverstopfen Ohren, dann muss auch ich eingeschlafen sein.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich unerwartet fit. Der Gang zum Wasserschlauch war leichtfüßig und wurde von Sonne begleitet, die Zähne putzte ich unterm Apfelbaum. Eine schlaftrunkene Hummel landete auf dem Wasserhahn, in der Annahme es sei eine Blüte. M. brühte Kaffee auf und die Wiese duftete. Zwei Tannennadeln stecken noch in meinem Haar. Ansonsten … doch, ich bin zufrieden! Sie müssen wissen, ich komme aus dem Wald. Ich bin nun vorbereitet.

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Folge 160: Kein Chichi (Bett im Wald)

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