• Stadtleben
  • Zwischen Disko und Dispo, Folge 161: Society-Reportagen von Nah und aus der Ferne

Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 161: Society-Reportagen von Nah und aus der Ferne

Lecker MenüHabe ein Haus gekauft in einem Ort ohne Supermarkt. Dort gibt es viele Tannenbäume, jedoch keine gesellschaftlichen Ereignisse. Der letzte Zug fährt um 19 Uhr. Danach kann man eine Frau mit großem Hintern auf einem Pferd mit noch beachtlicherem Gesäß sehr langsam über eine staubige Strasse in den Sonnenuntergang reiten sehen. Als sozialer Hotspot im Ort fungiert Frötschis Bierstudio mit gut gehendem Außerhaus-Verkauf und von Frötschi’s Gattin zubereiteter Tagessuppe für je 3 Euro. Man lernte mich hier als solventen Gast und Soljankaliebhaber kennen. Mein wahres Wesen, blasierte Großstadt-Schnepfe mit Hang zur Nörgelei, konnte ich vor Familie Frötschi sowie dem Rest der Dorfbevölkerung erfolgreich unter einem schlammfarbenen Parka verbergen.
Dem TIP-Leser brauche ich freilich nichts vorzumachen, denn nach letzten Leser-Umfragen wird nach wie vor Wert gelegt auf Kolumnen zu den großen Lebensfragen – schön, dass sie dran bleiben! Ich möchte ihnen für ihre Treue danken mit großzügig erweiterten Rechercherahmen. Freuen sie sich auf Reportagen aus Kenzow, Wulzow und Kentkeinesow, sowie – als technisches Highlight – einen 24h Livestream aus Frötschis Bierstudio. Darüber hinaus bleiben ihnen die unvoreingenommenen Analysen von spektakulären Societyevents aus Berlin erhalten, wie jene zur 4-gängigen Dinnerparty im neuen Restaurant und Partykomplex des Radiosenders Flux FM. Die Einladung erfolgte durch einen Kräuterschnapshersteller, welcher schon vorab keine Zweifel an der inhaltlichen Ausrichtung aufkommen lies. Per UPS wurde mir ein Flachmann zugesandt,  den ich direkt an meinem jugendlichen Untermieter weiter leitete mit der Bedingung, er dürfe nie wieder Gitarre spielen, wenn ich Texte schreiben muss. Leider spielt er gerade in diesem Moment wieder auf seiner Gitarre, angeheizt vermutlich durch jede Menge Kräuterschnaps aus einem Flachmann. Für den erwähnten Society-Event ist dies jedoch unerheblich, denn es waren Posaunenspieler, Jagdhornbläser und Sänger, die als Programmhöhepunkt gegen 0 Uhr in die Kreuzberger In-Lokalität einmarschierten. Zuvor erwartete ein ausgesuchter Kreis Kräuterschnaps-relevanter Personen, darunter Bestsellerautor Sven Regener und Musiker Winson, vor schweren Silberbestecken das Menue des berüchtigten Sternekochs Stefan H. Neben mir saß leider nicht der Sänger von Aerosmith, sondern die geschäftstüchtige Betreiberin eines Weingroßhandels. Der tragische Verlauf des Abends war somit besiegelt und mein Filetstück wurde kalt, weil zwischen all dem Champagner auch ständig neue Weine und sogenannte Weingeister probiert werden mussten. Dabei variierten die Tischgespräche, ausgewertet wurde z.B. ein Konzert in Potsdam mit Herbert Grönemeyer und Bono von U2, dessen Gesangsduett zum Titel Mensch am Tisch als Zumutung beschrieben wurde. Weiterhin wurden Immobilienpreise in der Steiermark und Barnim abgeglichen und eine Krawatte gelockert. Zu fortgeschrittener Stunde konnte man zutiefst beschämende Balztänze von alkoholisierten Über- 40-Jährigen auf Teilen des Mobiliars beobachten, dann schwinden die Erinnerungen. Als letztes Bild blieb ein bärtiger Heavy-Metal-Fan im Gedächtnis, der mir mit einem schnapsgefüllten Oktopus-Arm aus Plastik zuprostet, sowie ein gelbes Schild mit Aufschrift „Taxi“. Ich erwachte an einen Ort mit vielen Tannenbäumen, jedoch ohne Apotheke.

Jede Woche neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

Folge 161: Society-Reportagen von Nah und aus der Ferne

 

Mehr über Cookies erfahren