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Zwischen Disko und Dispo, Folge 162: Ode an die S-Bahn

iegfried_HesseHa! Vermutlich denken sie jetzt, der Titel wäre ironisch gemeint und in gräulicher Herbstverstimmung  wird nun ordentlich drauf los gehauen… aber weit gefehlt! Über Verspätungen wegen umgefallener Bäume oder betrunkener Passagiere, die sich im Gleisbett schlafen legten sollen sich andere empören. Zudem kündigte die Firma Siemens an, sie möchte sich gerne für sehr viel Geld kümmern um die kaputten Wagen. – eine wunderbare Nachricht in der Vorweihnachtszeit. Ich konnte mich mit den Gebrechen der S-Bahn bisher immer gut arrangieren, zum Teil sogar identifizieren.

Sie ist ja auch nur Jemand bzw. Etwas, das in Berlin durchkommen muss-  so ein altes Großstadtgirl, das ihren abgewrackten Leib immmer noch in rote Leggins quetscht . Sie lässt die Ereignisse mit stoischem Klappern über sich ergehen und sie kann einiges ertragen.  Ich mag ihr verschmiertes Make up und die billigen Tattoos auf ihren Türen. Sie sind nicht hübsch, aber sie geben ihr Charakter. Die S-Bahn ist meine Freundin und ich bin ihr dankbar, weil ich mit ihr Dinge erleben kann, wie sie nur in S-Bahnen möglich sind.  
Ich glaube, sie kann mich auch ganz gut leiden, denn wie durch ein Wunder finde ich auch im schlimmsten Berufsverkehr noch einen Platz in ihr. Sie hat einen guten Humor und setzt mir gerne merkwürdige Menschen in die Nähe, wie letzens den Mann mit dem Schlüssel.
In der S41 saß er mir gegenüber. Er hatte dieses freundliches Lächeln aber wirkte ziemlich gestresst. Der schätzungsweise 40-Jährige suchte Blickkontakt und  ich bemühte mich ihn zu ignorieren. Es gelang nur schwer, denn er trug einen silbernen Arbeitsoveral und kramte in einem Schulranzen gespickt mit fluoreszierenden Symbolen. Er sah ein bisschen aus, wie ein Mitarbeiter der Nasa, der ein paar Nächte zu viel im Berghain gefeiert hatte. Kurz darauf fand er, wonach er suchte und hielt mir etwas entgegen. Er sagte: „Hier, der ist für dich.“  Perplex begutachtete ich einen winzigen Schlüssel aus pinkem Papier. Ich fragte, was ich damit tun sollte – das könnte ich mir aussuchen, erwiderte er.
Dann erzählte er eine irre Geschichte, von einer Konstruktion an der er seit längerer Zeit schon baut, etwas wirklich großes. Er war sehr aufgeregt und stellte sich  als Architekt oder Biomechaniker vor. Er plant etwas Gigantisches zu errichten und nannte es „Tempelmaschine“.  Eine biomechanischer Installation, mit der jeder Berliner 360 Tage im Jahr kostenlos inmitten von überdimensionalen 3-D-Visuals rund um die Uhr tanzen könnte. Als Standort hat er das ehemalige Flughafengelände in Tempelhof im Visier und er plant es  für 1 Millionen Euro zu erwerben. Er müsse jedoch noch einige dieser  Schlüssel- damit zeigte er auf meinen – verkaufen, für einen Euro pro Stück, so die Geschäftsidee. Ich sagte, dass ich hätte kein Geld für pinke Papierschlüssel, aber darum ging es ihm nicht, meinte er.  Ich kam nicht mehr dazu nachzufragen, worum es denn sonst gehen könnte, weil ich aussteigen musste. Den Schlüssel aber habe ich aufbewahrt. Man weiss ja nie.  Ein Freund warnte mich, ich sollte besser nicht daran lecken, er könnte mit LSD beträufelt sein. Jedenfalls freue ich mich schon auf meine nächste S-Bahn-Fahrt und sie sich auf ihre hoffentlich auch!

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Zwischen Disko und Dispo: Folge 162 – Ode an die S-Bahn  

Foto: Siegfried Hesse

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