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Zwischen Disko und Dispo, Folge 164: Die Kümmernisse technologischer Innovationen

GedankenwolkenMein Kumpel W. hat sich einen Staubsaugeroboter gekauft. Ein rundes Ding, das durch seine Wohnung rollt, um Krümel und Katzenhaare einzusammeln. W. sagt, das Fahrdiagramm auf dem Teppich wäre unsystematisch und einige Staubflusen, so W.s Eindruck, umfahre der Roboter vorsätzlich. Das teure Gerät wäre zudem sehr laut und bleibt regelmäßig unter der Couch stecken. Wegen eines Garantiescheines könnte er es nun zurückschicken und bekäme den vollen Kaufpreis erstattet, aber W. denkt gar nicht daran. Der Grund der Anschaffung hat nämlich nur in zweiter Linie mit Fussbodenreinigung zu tun und könnte Produktentwicklern von Staubsaugerobotern weltweit völlig neue Impulse liefern. W. erklärte mir, dass er sich durch einen zweckentfremdeten Einsatz die Anerkennung von Millionen Usern sowie kommerziellen Erfolg im www verspricht. Zur Verdeutlichung zeigte mir W. ein Internetvideo, in welchem eine Katze auf einem Staubsauger-Roboter sitzend, gemütlich durch eine Wohnung kreist. Das Szenario erinnerte an eine Art mobilie Kunstinstallation von Joseph Beuys und hat mehrere Tausend Fans, auch Werbung wird dort geschaltet.  
Nun versucht W. seit Wochen seine Katze dazu zu bewegen, ebenfalls mit dem Staubsauger durchs Wohnzimmer zu reisen, worauf die Katze jedoch keine Lust hat. Der geplante Videodreh fand bis heute nicht statt und W. ist unglücklich, weil ein Produkt der neuen Technologie mal wieder Begehrlichkeiten weckte, die unerfüllt bleiben müssen.
Noch heikler wird es, wenn der sensible, zwischenmenschliche Bereich technologische Optimierung erfährt. Mein Freund schickte mir jüngst eine Einladung zu Pair, eine Handy-App, die für liebestrunkene Paare spezielle Wege der Kommunikation anbietet. Man kann sich hiermit zum Beispiel Daumenküsse schicken. – Wie, sie kennen keine Daumenküsse? Dabei berührt man das Display seines Handys, auf welchem hoffentlich auch der Fingerabdruck des Parters erscheint, der im selben Moment sehnsüchtig sein Display berührt. Die erfolgreiche Zusammenführung der Partnergliedmaßen wird von der App dann mit einem rosa Lichtflackern gewürdigt. Man kann sich auch an unbeholfenen Bildchen erfreuen, meist Herzen oder krakelige Strichsonnen, die der Partner auf dem Display als Symbol der ewigen Liebe entwirft. Schwerwiegende, emotionale  Mitteilungen kann man auch direkt einsprechen und versenden. Zuletzt habe ich laut in mein Handy geseufzt und das Tondokument meinen Partner geschickt. Ich fand das lustig aber er machte sich große Sorgen. Er dachte, mir ginge es schlecht. Eine Zeitlang haben wir uns dann ständig diese Gedankenwolken zugeschickt. Sie gingen in einer Tour auf dem Handy hin und her – ernsthaft, ich kam zu nichts mehr. Als endlich Ruhe einkehrte, ärgerte ich mich dann doch. – Schließlich hatte mein Partner die letzte Wolke nicht erwidert! Gereizt rief ich an und fragte nach dem Grund. Er redete sich raus und dann stritten wir. Der Österreichische Dramatiker Karl Kraus hat mal gesagt: „Das ist das wahre Wunder der Technik, dass sie das, wofür sie entschädigt, auch ehrlich kaputt macht.“ So einen Staubsaugeroboter, eine leistungsstärkere Version des Models von W., schaffen wir uns trotzdem an.

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Zwischen Disko und Dispo: Folge 164 -Die Kümmernisse technologischer Innovationen

 

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