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Zwischen Disko und Dispo, Folge 165: Falsche Bluse


Zwei Krokodile an der WandEin Gesetz dieser Kolumne lautet, nie politisch zu werden oder gar mit erhobenen Zeigefinger vermeintlich Richtiges zu predigen. Mit einem Lächeln soll der Leser entlassen werden- das ist mein Ziel als hauseigener Clown des Tip-Magazins.
Aber wie kann ich Heiterkeit verbreiten, wenn ein junger Mann am Alexanderplatz totgeschlagen wurde, der zudem noch aus einem Club kam, über dessen Eröffnung ich ja selbst berichtete? – Ein Club, in dem vorgeführte Marken- Jeans sich mit cremetortenhaften Einrichtungsstil ergänzen und in denen ein ‚Haste was, biste was‘ im Rauch von Zigarrenschwaden um svarowskibesteinte Deckenbeleuchtung wabert. Ein Club, über den Leute wie Du und ich gern auch mal lachen, wegen der gestelzten Attitüde und weil man gar nicht glauben mag, dass Irgendjemand dieses „Dicke-Hose-Ding“ ernst nehmen könnte. Und nun muss ich feststellen, dass Berlins Nachtleben von Gastronomiebetrieben genau jener Sorte erobert wird. – Restaurantclubkombinationen mit Köchen, Kronleuchtern und zu teuren Drinks. Sie haben nur wenig mit meiner Ausgehkultur zu tun. Sie sind ja auf die Bedürfnisse eines finanzstarken Publikums zugeschnitten. Das mag aus wirtschaftlicher Perspektive auch legitim sein. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass ich einst, im Alter von 15 Jahren aus guten Gründen nicht nach Düsseldorf, sondern in die Stadt ausgerissen bin, in der es nach dem Mauerfall im Nachtleben so brilliant-chaotisch, inspirierend, produktiv und auf gewisse Weise auch chancengleich zuging. Reputation konnte man sich auch ohne Geld verschaffen. Es war zum Beispiel ganz hilfreich, ein guter Tänzer zu sein. Wer sich ein exzentrisches Outfit zusammenstellte konnte genauso seinen Platz im Club finden, wie ein idealistischer, finanziell erfolgloser Musiker. Und anders als heute wurde Menschen, die allzu deutlich mit Geldscheinen wedelten mit fast schon diskriminierender Skepsis begegnet. Zu diesem Zeitpunkt hätte wahrscheinlich niemand für möglich gehalten, dass der freiheitliche Geist des Berliner Nachtlebens sich Jahre später mit einer Düsseldorfisierung auseinandersetzen muss, in der ‚Reich sein‘ gleichbedeutend ist mit ‚In sein‘.
Das jüngste Beispiel ist ein Club Namens The Grand. Die Einrichtung im Gebäude einer ehemaligen Armenschule ist kolonialstilhaft, mit schweren Teppichen, antikem Mobiliar und ausgestopften Krokodilen an der Wand. Zur Eröffnung stehen schwarze Mädchen in Serviererinnenschürze und mit Staubwedel an der Tür. Im Foyes berichtet ein glatzköpfiger Typ im Jacket betont beiläufig von den Umsatzmärkten seiner IT-Firma. Frauen mit künstlichen Brüsten und teuren Handtaschen stehen an der Bar. Sie wirken puppenhaft und leer, so als ob man sie in einem Laden kaufen könnte. Etwas abseits setze ich mich an den Tanzflächenrand neben eine junge Frau im Designerkleid. Wir kennen uns nicht und sie mustert auffällig meine Bluse – kein teures Stück aber sie passt ganz gut zur Farbe meiner Augen. Dann, mit verächtlicher Miene, kommentiert sie: „Ach Gott, so was habe ich ja auch noch irgendwo im Schrank hängen.“
Ich wusste nicht recht, was ich antworten sollte und bin dann einfach gegangen. Jetzt kann man sich fragen, was das mit dem Tod eines jungen Mannes zu tun haben soll. Vielleicht gar nichts, vielleicht aber hängt Alles mit Allem zusammen. Denn eine Welt, in der der Preis einer Bluse wichtiger ist, als der Mensch der drinnen steckt, produziert kleinen Ärger und mitunter auch großen Hass.

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