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Zwischen Disko und Dispo, Folge 168: Der Weihnachtskuss

Jackie A.Mein schönstes Weihnachtsfest erlebte ich in einem ehemaligen Nazi-Bunker.
Wir feierten Happy Hardcore Christmas mit insgesamt elf Gästen. Ich tanzte in einer goldenen Hotpans im Dunst der Nebelmaschine zu „LFO“, während der Haustechniker, alle nannten ihn wegen seiner Größe und des roten Basecaps nur „Radieschen“, auf einer Leiter kaputte Glühbirnen auswechselte. Zwischendurch stand ich an einer leeren Bar herum, redete über das bevorstehende Silvester, das wir wahrscheinlich wieder hier verbringen würden, hinter Stahltüren eines zügigen und nach Schimmelpilzen stinkenden Betonklotzes. Besagte Weihnachtsparty fand in den Neunzigern statt, in jenem Jahr, als auch ein junger Mann auf einer Party im 3. Stock verstarb – Herzversagen. Es war eine traurige Geschichte an einem trostlosen Ort aber längst keine Ausnahme in Berlin-Techno-City der Neunziger Jahre. Wir hatten diese unglaubliche Musik und unsere Jugend und wir waren nicht mal am Montag müde, wenn wir seit Freitag durchtanzten. Was sollte uns da stoppen oder gar für immer ausschalten können? Der Tod schien suspekt und es brauchte enige Jahre, um zu begreifen, wie filigran und kostbar das Leben ist.
Ich stand an der Bar und nahm einen Schluck aus dem Plastikbecher. Wenn es still war, konnte man genau spüren, wie die Trostlosigkeit von außen nach innen kroch. Zum Glück gab es Tracks mit 160 Bpm.
Der Barjunge sprach nicht viel und stellte zwei Schnappsbecher auf den Tresen. Er trug einen schwarzen Kaputzenpulli und sah kaum älter aus als 15 Jahre.
Als er den Schnapps einfüllte, lächelte er schüchtern, seine hohen Wangenknochen waren wirklich toll. Er hatte skandinavisch-blondes Haar und war ziemlich hübsch. Gegen 2 Uhr küssten wir uns. Trotz der Leere um uns herum und fragwürdiger Typen, die einen immer wieder zwischendurch auf die Schulter klopften, um Extasy oder Speed anzubieten, fühlte sich alles weich und geborgen an. Denn im Gegensatz zu anderen Clubküssen, entwickelte dieser hier eine eigentümliche Dynamik und immer, wenn sich unsere Lippen neu berührten, wurde es nicht nur leidenschaftlicher, sondern auch, als würden im Innersten Lichter angezündet, Kerze für Kerze, bis der Junge aus einem Bucher Plattenbau und das Mädchen mit den kurzen Hosen lichterloh, wie Weihnachtsbäume, brannte. Der ganze Raum war bald in warmes Licht getaucht, es roch nach Zimt, Hoffnung, Hormonen und Kaugummi. Der Türsteher, die Garderobenfrau und die vier letzten Gäste – gegen Ende lächelte Jeder, der an Bar stand. – Nichts ist wohl so ansteckend wie kleine bis größere Liebe. Der Barjunge zog bald schon bei mir ein und 2 Wochen lang war jeder Tag ein Weihnachtstag. Dann, aus unbekannten Gründen, erloschen die Kerzen. Das Schöne daran ist: Das Wachs blieb bis heute reichlich.

Jede Woche neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

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