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Zwischen Disko und Dispo, Folge 169: Die Stecknadel


Stecknadeln

In der Drogerie stand ich vor dem Regal mit den Nagellacken neben einer Frau. Sie sah nett aus und trug einen vielleicht 2-Jährigen Jungen auf dem Arm. Hinter ihr rief jemand: „Kommst du endlich!“ und als sie sich umdrehte, bemerkte ich, dass ihr rechtes Auge violett und angeschwollen war. Wir hatten kurz Blickkontakt und ich wollte etwas sagen. Mir fielen aber keine Worte ein. Ich trug einen Block in der Tasche und sogar einen Stift. Schnell hätte ich etwas aufschreiben können, aber wer hat schon die verdammte Nummer vom Frauenkrisentelefon -030 615 42 43- im Kopf. Vielleicht, so dachte ich, war sie ja auch nur gestürzt, allerdings holte ich mir noch nie beim Hinfallen ein Veilchen.
Auf dem Heimweg dachte ich weiter an die Frau und ihren Sohn, der vielleicht, also wenn es ganz schlecht laufen würde, auch einmal seine Frau verprügeln würde. – Hätte ich doch bloss was gesagt! Hoffe nun, dass ich mich irre und es eine harmlose Erklärung für ein blaues Auge gibt, das mich, genau genommen, auch gar nichts angeht. Wenn da nur nicht dieses Gefühl bliebe!
Ich muss 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein, als mein Vater meine Mutter schlug. Panisch lief ich um meine Eltern herum, während sie sich anbrüllten vor den hübschen, weißen Schränken im Kinderzimmer. Ich weiss nicht mehr, worum es genau ging. Es muss aber etwas mit den Spiegeleiern zu tun gehabt haben. – Die aßen wir zuvor gemeinsam am Küchentisch. Dann ging der Streit los und zog sich, zunehmend heftig, von der Küche, ins Wohnzimmer bis ins Kinderzimmer. Ich hatte große Angst und wollte meine Mutter verteidigen. Irgendwo fand ich eine winzige Stecknadel und stach diese nun meinem Vater immer wieder in den Hintern. Ich kann mich noch gut an seinen irritierten bis wutschnaubenden Gesichtsausdruck erinnern, als er mitten im Handgemenge inne hielt, und zu mir – dem entschlossenen Kleinkind mit der Stecknadel – hinunter sah. Bald darauf ließen sich meine Eltern scheiden.
Ich hätte der Frau in der Drogerie gerne gesagt, dass sie nicht allein ist und dass sie keine Angst haben soll und dass sie, also falls es so ist, vielleicht aufhören sollte, die Fehler bei sich selbst zu suchen. Und dass kein Versagen auch nur einen einzigen Schlag rechtfertigt. Und dass ich jetzt nebenan an der Kuchentheke im Supermarkt einen scheusslichen Kaffee trinken gehe und sie gerne einladen würde.
Im schlimmsten Fall hätte ich daneben gelegen und sie würde mich, wie einen paranoide Idiotin im Drogeriemarkt stehen lassen. – Dies wäre dann wohl einer der seltenen Momente, in denen der schlimmste gleichzeitig auch der schönste Fall wäre. Hätte ich bloss was gesagt.

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Zwischen Disko und Dispo: Folge 169 – Die Stecknadel

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