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Zwischen Disko und Dispo, Folge 170: Saure Gürkchen und Strapse


Laura Branigan - Self Control

Tagebucheintrag, Jacqueline A. vom Januar 1983:

“ Knutschi durfte die Silvesternacht bei mir verbringen. Ich hatte SFB (sturmfreie Bude), weil meine Mutter im Cafe arbeiten musste. Vorher machte sie uns ein herrliches Essen zurecht: Fliegenpilze aus Eiern mit halben Tomaten, Minibuletten und saure Gürkchen. Die Zimmer hatte ich so gut es ging ausgeschmückt mit Papiergirlanden und so. Irgendwann klingelte es an der Tür.

Knutschi kam mal wieder zu spät. Sie trug „metallic“ Lippenstift und ihren neuen, rosa Anorak, in dem sie noch dicker aussah, als sonst. Ich sagte ihr sofort, das ihr die Jacke nicht steht. Da wurde sie grantig, statt dankbar über die Wahrheit zu sein! Ich gab ihr erstmal einen Becher Kinderbowle, damit sie sich wieder beruhigt. Dann machten wir Modenschau vor Mamis Kleiderschrank. Wir zogen alles an und wieder aus, bis der ganze Boden voller Kleider, Hüte und Strumpfhosen lag. Schließlich hatten wir etwas gefunden: für Knutschi ein queer gestreiftes Minikleid und einen Schlapphut, durch den sie viel älter, als 12 aussah. Für mich suchte ich ein besseres Kleid aus.

Als es endlich dunkel wurde, sind wir los. Wir wollten uns ja ein paar Typen anlachen. Aber urster Reinfall – da war keiner. Knutschi wollte dann unbedingt diesen Heiko aus der 4 b besuchen. Er wohnte nebenan in Waldstadt II. Es war nicht weit, aber es knallte und krachte dermaßen, dass wir immer schneller liefen. Auf der B.-Brecht-Straße, schmiss ein Idiot einen Kracher aus dem Fenster. Er landete direkt auf meiner weissen Jacke. Sie hat jetzt auf dem Rücken einen dicken, braunen Fleck. Ich war so sauer! Außerdem war uns  schweinekalt. Wir hatten ja nur Mamis Minikleider und ihre Strapse darunter, also drehten wir wieder um. Fast vor der Haustür trafen wir dann doch noch zwei Typen (siehe Seite 60). Sie sahen nicht gerade besonders aus, waren aber schon 14 (!) und hatten Zeit. Sie blieben nicht mal 5 Minuten, weil sie es wohl peinlich fanden, dass wir keine echte Bowle (mit Schnaps) hatten. Dieser Dirk hat noch alle Buletten aufgegessen, bevor sie abgehauen sind. Wir waren jedenfalls froh, als sie wieder weg waren und haben dann Ronny‘s Pop Show im Fernsehen geguckt. Laura Branigan tanzte  in einem schwarzen, engen Kleid im Video. Es war sehr nebelig und dann betrat ein Tänzer mit einer Maske den Raum. Sie sackte mit ihm auf dem Boden der Diskothek zusammen. Mein Englisch ist nicht so gut, aber Knutschi sagte, sie sang über Kontollverlust mit verschiedenen Kreaturen der Nacht. Ich fand sie sehr, sehr toll. Ich habe es nicht gesagt, aber ich hoffe, dass ich auch irgendwann einmal so alt wie Laura Branigan aussehen werde. Als Mami wieder nach Hause kam, haben wir ihr nicht erzählt, dass die Jungs ihre Bowle scheisse fanden. Um 3 Uhr haben wir uns hingelegt. Ich habe in der Nacht von Laura Branigan geträumt.“


—> In eigener Sache: Am 17.01. ist Tagebuchsalon – wir lesen uns aus alten Tagebüchern vor! Mutige sind eingeladen ihre Notizen, frühen Liebesbriefe oder Tagebücher mitzubringen. Beginn ist um 19 Uhr im Naherholung Sternchen, Berolinastraße 7 in Mitte. Infos unter https://www.facebook.com/events/362920343803212/

Jede Woche neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

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