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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 171: Zuletzt, zum ersten Mal

Iyashi-Röhre

Jemand hat mir ein Tier ins Ohr gesetzt – keinen Wurm (eingängiger Musiktitel), sondern einen Floh (brisante Frage). Ich denke jetzt schon den halben Tag über eine Antwort nach. Die Frage lautete, sinngemäß: „Wann hast Du zuletzt etwas zum ersten Mal erlebt?“
Leider fielen mir ausschließlich Dinge ein, die ich gefühlt zum fünftausendsten Mal tat, wie den morgendlichen Espresso in einem Kännchen mit verkohltem Henkel zubereiten. Oder griesgrämig durch den Park laufen und einen Hund beobachten, wie er mit seinem Urinstrahl gelbe Flecken an meiner Lieblingsbank im Schnee hinterlässt (die elende Sau!) – oder eine neue Bar in Mitte betreten, mit dem typischen Gesichtsausdruck, angesiedelt zwischen „Jetzt ist aber mal gut hier mit den Eröffnungen“ und „Ach, guck mal an. Ist ja doch ganz schön hier“. Offenkundig sind die ersten Male rar geworden und ich befürchtete schon, dass meinem Leben jegliche Unschuld abhanden kam. Nach konzentriertem In-mich-hinein-Horchens stieß ich dann doch noch auf etwas. Es ist gestern zum ersten Mal passiert und derart unspektakulär, dass ich kaum wage, es mit ihnen zu teilen.
Ich habe Tee gekocht – in einem Topf. Sie müssen wissen, gewöhnlich hänge ich einen Teebeutel in eine Tasse und übergieße ihn mit kochendem Wasser – so wie man das in mitteleuropäischen Küchen wohl ständig tut. Doch diesen neuen, in einer Drogerie erworbenen, Ingwer-Zitrone-Tee, bröselte ich streng nach Anleitung in einen Topf und lies ihn dort 10 Minuten im Wasser köcheln. Der Tee war ohne Übertreibung der schmackhafteste, den ich je zubereitete und Momente stiller Glückseligkeit folgten, begleitet von leisem Schlürfen. Natürlich habe ich weitere Töpfe dieses Tees zubereitet, doch so gut wie beim ersten Mal schmeckte er nie wieder! Und noch etwas: Im Rahmen eines SPA-Aufenthaltes wurde ich zum ersten Mal in eine Iyashi-Röhre gesteckt (angebliches Wellness-High-Light). Der Körper verschwand im technischen Gerät, nur der Kopf schaute noch raus. Basierend auf Infrarottechnik wurde mir in der folgenden halben Stunde sehr schnell, sehr heiß. Danach fühlte ich mich fit und gänzlich unverkatert, wie nie zuvor an einem 1. Januar, dem Tag nach Silvester. Ein anderes erstes Mal, wagte ich zusammen mit meinem Partner am letzten Mittwoch. Wir haben ein Haus gekauft. Es liegt ausserhalb der Stadt, ist baufällig und hat keinen Kanalisationsanschluss. Ich  bin jedoch zuversichtlich, dass hier eine ganze Serie „Zuletzt-zum-ersten-Mal“ starten wird, z.B. wenn zarte Nachtlebenreporter-Hände in moderiger Erde versenkt werden, um eine erste eigene Karotte zu ernten. Vielleicht wird dann auch eine zum ersten Mal erhaltene Heizkostenjahresabrechnung die erste Euphorie zum ersten Mal in Wut und Verzweiflung umwandeln oder man wird ein erstes Mal überrascht am Bahnhof des neuen Lebensortes feststellen: Der letzte Regionalzug nach Berlin fuhr vor einer halben Stunde…. Doch die liebliche Melodie der ersten Male ist hier noch Zukunftsmusik. In der Gegenwart schreibe ich zum ersten Mal ein Buch. Das ist schön, aufregend und schrecklich gleichermaßen und so, dass man unbedingt noch sehr viel mehr erste Male erleben möchte. Verraten sie mir, was sie  zuletzt zum ersten Mal getan haben? Schreiben sie mir eine E-Mail, ich bin gespannt!

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