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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 172: Altherrenwitz


Samstag Mittag. Wir fletzten auf einer Matratze und tranken Cola-Weinbrand. Auf dem Kachelofen brannten Kerzen. Siouxsie And The Banshees lief und in der Mitte des Zimmers hatte sich Marcus betrunken abgelegt, die Party lief seit gestern. Wir waren Punks, Psychobillys und Gothics – Kids auf der Suche nach Spaß, den wir hier zwischen Alk und Matratzen in einem unsanierten Erdgeschoss in Lichtenberg vermuteten. Ein Kamerateam aus dem Westen war auch dabei. Sie sagten, sie würden einen Dokumentarfilm drehen. Ein paar Monate später, die Mauer war inzwischen gefallen, entdeckte ich in einer Zeitung ein Foto von dieser Party, wie ich da zusammen mit den Freunden auf der Matratze hockte. Darunter stand  „Candle-Lightparty in Ostberlin“ und eine Bemerkung über die Andersartigkeit der Emanzipation der Frauen aus der DDR. Ich hatte keine Ahnung, wovon der Reporter sprach.

Weder fühlte ich mich sonderlich emanzipiert, noch andersartig und heute stecken wir in dieser Sexismus Debatte von der ich schon wieder nicht wusste, wie ich dazu stand. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass Sexismus so sehr mit meinem Alltag verstrickt war, das ich ihn schlicht übersah und als „normal“ empfand. Ich kann gar nicht zählen, wie oft mir in einer Diskothek an den Arsch gegriffen wurde, auch an den Busen. Früh schon hatte ich eine Art Sexismus-Routine entwickelt und grabschende Hände wurden wie lästige Fliegen mit dem Arm weggeschlagen. Dumme Sprüche von Typen auf der Straße oder in der Tram: normal.

Mein Leben mit Sexismus bedeutete auch manipulativ zu sein. In meinen Job als Barfrau begann ich mit Kleidung zu experimentieren. Vielleicht war ich die unfreundlichste Barfrau der Stadt aber erhielt Unmengen an Trinkgeld, wenn ich das Kleid mit dem tiefen Dekollete trug. Ich habe mich nie als Opfer gefühlt. Ich hielt einfach einen Teil der männlichen Bevölkerung für minderbemittelte und triebgesteuerte Amöben. Einmal machte mein Großonkel einen Kommentar über meine Strumpfhosen. Es waren nicht seine Worte, es war die Art, wie er sie sagte. Er war ein widerlicher, alter Sack und bei Familienfesten saßen Männer, wie er an der Kaffeetafel. Mit von Blutdruckproblemen aufgedunsenen Köpfen machten sie  Kommentare über Frauen, es regnete Herrenwitze. Meine Tanten saßen daneben, aßen Kuchen und schwiegen. Eine Zeit lang war ich sehr wütend und meine Mutter bat mich mehr als einmal, keinen Streit bei Familienfesten anzufangen. So bin ich aufgewachsen und ich befürchte, dass ich auch einen angesoffenen Brüderle an einer Bar nicht anders begegnen würde als den Männern an der Kaffeetafel auch: ratlos, mit einem Gefühl aus Mitleid und Verachtung. Lange schien es der einzige Weg, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und es stellte sich nicht die Frage, wie es anders funktionieren könnte. Das Gute daran ist, ich schreibe hier im Präteritum. Herrenwitze sind Altherrenwitze – entwicklungssoziologisches Musikantenstadl.  Die Zeiten ändern sich. Ich kann es kaum erwarten.

Foto: Linus Volkmann

 

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