• Stadtleben
  • Zwischen Disko und Dispo, Folge 175 Bei Anruf: Hasselhoff

Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 175 Bei Anruf: Hasselhoff

Jackie A. und

Neulich klingelte das Telefon. Jemand fragte, ob ich an der Seite von David Hasselhoff auf einem Wagen demonstrieren würde. – „…Äh, mit wem bitte?“ Wie sich herausstellte, hatte The Hoff einen Flug nach Berlin gebucht, weil er ähnliche Ziele verfolgte wie die Club Commission, die zur Protest-Veranstaltung lud, sowie jede Menge Berliner – inklusive mir. Es ging darum, Aufmerksamkeit für den Erhalt der East-Side Gallery zu schaffen, um die Bebauung des ehemaligen Todesstreifens doch noch abzuwenden und die Freifläche für alle zugänglich zu erhalten. Das hier nebenbei ein, nun ja, denkwürdiges Event sowie ein Foto für meine Omi mit The Hoff drin war, freute mich natürlich auch ungemein.
Doch 24 Stunden später verpasste ich die Tram. Ich wusste nämlich nicht, welche Frisur ich tragen sollte, um die Seriosität meines Anliegens zu unterstreichen, gleichzeitig jedoch eine gewisse Spaßbereitschaft gegenüber The Hoff zu signalisieren. Im Dauerlauf nahm ich die letzte Strecke vorbei an dutzenden Presseleuten zum Konferenztisch im Yaam. Der Stargast traf eine Minute später ein. Er trug ein leichtes Make-up und eine in die Jahre gekommene Discofrisur. Wir hatten also schon zwei Dinge gemeinsam. Es stellte sich heraus, dass Hasselhoff gut informiert war. Er vermittelte auch nicht den Eindruck, er glaube ernsthaft, dass wegen seines Auftritts 1989 mit einer beleuchteten Lederjackie die Mauer zu Fall gekommen wäre. Er sagte, dass  ihn die  Euphorie der Wiedervereinigung damals genauso ergriffen habe wie jeden anderen, der dabei war. Über 20 Mal war er seither in Berlin. Man sagte, er hätte seinen Flug selber bezahlt. Klar, konnte sich er sich nun auf kostenlose Promotion freuen. Ich fand das aber okay. Er bescherte unserem Anliegen die nötige Aufmerksamkeit und ich gönnte ihm jede Schlagzeile dafür. Zum nun folgenden Programmhöhepunkt „Mauerspaziergang“ hatten sich bereits mehrere Tausend Leute vorm Yaam eingefunden. Am Ausgang blieb ich direkt in einer Menschentraube stecken und musste mitansehen, wie The Hoff in der Ferne unter Jubelrufen auf einen abgewrackten Transporter stieg. Verdammt. Sollte jetzt, wo es erst richtig lustig werden würde, schon wieder alles vorbei sein? Auf gar keinen Fall! Vorbei an Hunderten drängelte und schimpfte ich mich Richtung Protestwagen, um hier ein markerschütterndes „Daviiiiid!“ loszulassen. Ein Kameramann drückte mir zeitgleich seinen Ellenbogen in die Rippe, das Gequetsche war wirklich enorm. Ein Polizeibeamter erkannte den persönlichen Notstand und ließ mich aufsteigen. Hasselhoff sang „Looking For Freedom“ ins Megafon und ich begann aus einem Kanister, der da neben einer zusammengerollten „Mediaspree-versenken“-Fahne in einer Ecke stand, Glühwein an Demonstranten auszuschenken. Das riesige Menschenmeer konnte man vom Wagen gut überblicken. Es waren Tausende mit Rettungsbojen und selbstgebastelten Schildern, wie „Hofftastic„. Ich dachte an die Kritiker, die behaupten würden, die Demo wäre eine leere Spaßveranstaltung, ähnlich, wie manche ältere Leute, die meinen, das echte Arbeit keine Freude zu machen hat. Auf einem leeren Glühwein-Kanister sitzend, beobachtete ich The Hoff, wie er sich ins Zeug legte und so langsam dämmerte mir, warum viele Berliner eine Schwäche für Hasselhoff haben. Er schien mir wie ein Stehaufmännchen, das die Bezirke Charlottenburg und Neukölln in sich vereint. Aufstieg und Fall. Die große Geste und die tragisch-besoffene Hamburger-Einlage… – unser Harald Juhnke aus Hollywood. Dann, in Eile, stieg der 61-Jährige außerplanmäßig vom Truck. Mit einem Polizeiwagen fuhr man ihm zum nächsten WC. Er sagte noch, er käme für ein Benefiz-Konzert zurück. Und ganz gleich, was man von ihm oder der Aktion halten mag, im Gegensatz zu Klaus Wowereit war er da, als Unterstützung gebraucht wurde.

Jede Woche neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

Zwischen Disko und Dispo – Folge 175: Bei Anruf: Hasselhoff

Mehr über Cookies erfahren