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Zwischen Disko und Dispo, Folge 180: Hallo Demonstrantin

Alles rosa!

…die da letztens vor dem Barbie Dreamhouse auf einem Stöckelschuh rebellierte, erst einmal: Kompliment! Du mit dem brennenden Kreuz und wehendem Haar vor pinker Kulisse – ein wahnsinnig gutes Bild! Kämpferische Amazone gegen… Ähm. Ja. Gegen was jetzt eigentlich? Gegen Barbies Dreamhouse als Sinnbild für Frauenfeindlichkeit?
Entschuldige, aber wäre es zu viel verlangt, kurz abzuwägen, bevor man blank zieht und gleich ein Feuer entzündet?

Erstens: Die Barbiepuppe in Geiselhaft für Frauenfeindlichkeit in der Welt zu nehmen ist quatsch.
Ich selbst besaß fünf Barbiepuppen. Der Import aus dem kapitalistischen Ausland fristete ein kurzes und kummervolles Dasein in einer dunklen Kinderzimmerecke in der DDR. Meine Freundinnen und ich nahmen sie regelmäßig auseinander und bewarfen uns gegenseitig mit den Köpfen. Keine von uns wollte ernsthaft aussehen, wie eine Barbie. Soweit ich weiss, wurde auch niemand von uns magersüchtig oder bekam durch das Spiel mit den Puppen ein ungesundes Frauenbild eingeimpft. Wir leben selbstbestimmt, machen unsere Jobs und tragen, im Gegensatz zu Dir, auch keine pinken Miniröcke. Interessanterweise war der ursprüngliche Gedanke der Erfinderin, Mattel-Cheffin Ruth Handler, in den 1950er Jahren, die Barbie als moderne Alternative zu den bis dahin hauptsächlich verkauften Babypuppen einzuführen – also jene, die zum Einüben der klassischen Mutterrolle dienten. Müsste man demnach mit den Feindbildern nicht schon viel früher, bei der Babypuppe, ansetzen? Für die ersten Barbies gab es nicht nur pinke Badeanzüge, sondern auch Doktorhüte und Roben zu kaufen. Die folgende Konzentration auf Make Up und Modeschnickschnack scheint mir die übliche Reaktion eines gewinnorientierten Konzerns auf das Kaufverhalten seiner Kunden zu sein. Kurz: hätten wir nicht fleißig die pink-gepudelte Variante gekauft und uns stattdessen mehr für jene in Doktorrobe oder Arztkittel interessiert, wäre Barbie heute souveräner ausgestattet als 95 Prozent aller weiblicher Puppen auf dem Markt.

Zweitens: Der Grund warum ich mich ärgere. Mit brennendem Kreuz zwischen Familien und Kleinkindern rumzulaufen, ist grob fahrlässig und geht gar nicht.

Drittens: Genitalverstümmelungen in Afrika, Diskriminierung und schwere Übergriffe auf Homosexuelle in Russland, geplanter Drohneneinsatz zur Überwachung von Großstädten – es gäbe so viel bessere Gründe zu protestieren, statt ein paar Kids die Party zu versauen.

Viertens: Wegen Dir und Deinen Demo-Kollegen bin ich überhaupt erst auf das Ding aufmerksam geworden. Ich war dort… es war langweilig!

Zuletzt: Schon gut. Ich bin nicht nachtragend und sympathisiere mit deinem Verein (du bist doch bei Femmen?) aus nahe liegenden Gründen (selbst Frau). Nur bitte, kein Feuer mehr gegen unausgegorene Feindbilder.

Danke, Deine  Jackie A.

Foto: Thomas Götz von Aust

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