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Zwischen Disko und Dispo, Folge 182: AntiBrumm auf der Bratwurst (und andere Unzumutbarkeiten im Paradies)

MückeSitze unter überdimensionaler Krempe meines Vintage-Hutes im Garten, nippe am Rosabaya de Columbia und lese Augstein’s: „Die Tage des Gärtners. Vom Glück im Freien zu sein.“ Baumwipfel rascheln im Wind, Sonne scheint: Macciatopause im Paradies! Stoßseufzer des Glücks inmitten wild wuchernder Gräser, Fingerhut und blau leuchtender Kornblumen.
Blick in die Baumwipfel. Spontane Verzückung über ein Eichhörnchen im Geäst. Es putzt da seinen weißen Bauch und ausgiebig auch die winzige Schnauze. Dann, urplötzlich, Flügelschläge aus dem Nichts. Dunkle Federn über rotbraunem Fell, krachende Äste, ein kurzes Fipen – Blut am Pelz! Eichhorn flüchtet, attakiert von Vögeln, die in der Nähe brüten. Großstädterin: empört!
Ich stehe auf, um etwas Ordnung zu schaffen, schnipse mit spitzen Fingern einige Blattläuse vom Fingerhut. Ameisen eilen herbei, erklimmen im Dutzend die Blüten. Später werde ich einen Artikel im Spiegel lesen und verstehen, dass ich vier Läuse vor einem Leben in Knechtschaft bewahrte. Denn Ameisen halten sich Blattläuse als Arbeitssklaven. Sie besprühen sie mit einem chemischen Stoff, der sie bewegungsunfähig macht und halten sie so in der Nähe ihres Nestes, damit sie für sie Honigtau produzieren. Wir sprechen von systematischer Ausbeutung unter insektenverachtenden Methoden in meinem Garten – auf meinem Fingerhut! Hier kann sogar Amazon noch was lernen.
Ich setze meine Atemmaske auf, denn ich möchte ins Haus. Die Natur ist schon drinnen. Im Gemäuer gedeiht der Schimmelpilz, der sich aus dem Waldboden über einen Riss vorarbeitete. Er wächst vom Boden die Wände zur Decke hinauf. Schimmel frisst Stein – Frau mit Atemschutz und Vintage-Hut steht daneben, die Vorliebe für „alt und charmant“ grundsätzlich überdenkend.
Im Herbst planen wir das Haus zu sprengen. Ein zugegebener Maßen drastischer Vorschlag meines Partners, um Pilzsporen für immer zu vernichten und anschließend, unter hermetischer Abriegelung der Natur, eine Neubauklotz mit speziellen Pollenbelüftungsfiltern zu errichten. Bis dahin wohnen wir im Zelt. Darin sprühen wir uns Abends mit Anti-Brumm ein – dann irres Lachen im Nebel bewusstseinserweiternder Dämpfe…
Manchmal, in der Morgendämmerung, werden wir geweckt von randalierenden Tieren. Ein Marder warf mal unsere Biotonne um. Zuletzt haben uns frische Wildsschweinspuren dazu veranlasst, unser Zelt weiter weg von den Bäumen und näher an der Straße aufzubauen. Auch hier immer gleichbleibend: das Summen tausender Tigermücken, eine Spezies, so aggressiv und fleischgeil, dass sie ihre mit Widerhaken besetzten Rüssel sogar in lauwarme Bratwürste rammen, wie letztens am Grill beobachtet. Reflexartig habe ich Antibrumm auf die Wurst gesprüht. Die Mücke flog unbeeindruckt davon, das Abendbrot jedoch war zerstört. „Jeder will zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß“, sagte mal Alois Glück. An diesem Abend sind wir mit dem Zug zurück in die Stadt gefahren.

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Zwischen Disko und Dispo – Folge 182: Anti-Brumm auf der Bratwurst

 

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