• Stadtleben
  • Zwischen Disko und Dispo, Folge 183: Codewort: Eichhörnchen

Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 183: Codewort: Eichhörnchen

Ein Eichhörnchen

Wir standen da am Fluss, meine Freundin auf der einen Seite, ich auf der gegenüberliegenden. Es war während eines Urlaubs in der Schweiz und genauso, wie ich mir Schweizer Landstriche immer vorgestellt hatte: mit leuchtend blauem Himmel und Kühen, als schwarz-weisse Farbtupfer auf sattem Grün endloser Wiesen versprenkelt. Dahinter in der Ferne, weiss und erhaben, das Gebirge des Liskamm. Der Fluss war nicht breit, eher ein Rinnsal. Am Ufer sah man mich, zunehmend aufgeregt, von links nach rechts laufen, zwischendurch innehaltend, mit ausgestrecktem Storchenbein einen Versuch wagend, dann Positionswechsel, zum Sprung ansetzend, weiter laufend, nach einer besseren Stelle suchend, immer hin und her. Meine Freundin setzte sich ins Gras, zündete sich eine Zigarette an und sagte: „Weisst du, genauso so wie du diesen Fluss hier überquerst, gehst du dein ganzes Leben an.“ Ich weiss nicht mehr, wie ich über den Fluss gelangte, aber den Satz habe ich nicht vergessen. Offensichtlich bin ich jemand, der seinen Alltag effizient gestalteten will und daher nicht mal eben so über ein Flüsslein springt sondern gründlich abwägt, um das Risiko möglicher nasser Füße auszuschließen. Dass der Aufwand in keinem Verhältnis zur Ergebnis stand, war klar und dass spontanes Handeln irgendwie anders aussieht, ja auch. Die Frage ist, wie wurde ich zu dieser umständlichen Person? Ernsthaft, ich habe keine Ahnung. Mir scheint aber, dass auch andere Menschen in meinem Umfeld, vermutlich in ganz Berlin, umständlicher Natur sind. Mein Partner und ich beispielsweise besprechen und planen gerne alles sehr gründlich. Letztens fuhren wir mit der S-Bahn. Wir suchten zuvor im Internet die perfekte Rute heraus und verließen auf die Minute getaktet das Haus. Dann ging K. in einen BVG- Shop um eine Cola zu kaufen und unser Zeitkonstrukt brach zusammen.
Die Verkäuferin gab das Wechselgeld falsch heraus, die S-Bahn würde gleich abfahren, in der Hektik wurde die Tasche im Laden vergessen und K. musste zurücksprinten. Ich stellte mich in die Türen der Bahn, K. sprang mit Tasche in letzter Sekunde hinein. In der Bahn begannen wir sogleich mit der Analyse, dachten darüber nach, wie viele Minuten wir zukünftig früher los sollten, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Das Gespräch verlief überraschend lang und war ziemlich nutzlos, da man bekanntlich ja nie für alles gewappnet sein kann. Daher beschlossen wir unserer Tendenz des all zu ausführlichen Ausdiskutierens und Abwägens einen Riegel vorzuschieben. Wir führten hierzu ein Codewort ein. Bei Nennung von EICHHÖRNCHEN würden wir unser Gespräch sofort beenden. Es gab dann im Eiskafe „Madlen“ einige vielsagende Blicke am Tisch gegenüber, als mein Freund mitten im Gespräch über energieeffiziente Bauweisen plötzlich EICHHÖRNCHEN rief. Beim nächsten mal, einem Telefonat, beschwerte er sich, dass ich ein EICHHÖRNCHEN einwarf, nachdem ich meine Sichtweise geschildert hatte und er nun nicht mehr zu Wort kam.
Ich dachte auch schon über eine Therapie nach, aber würde mein Verhalten weniger umständlich passte ich womöglich nicht mehr gut zu meinem Partner und noch weniger in diese Stadt, das wäre doch geradezu EICHHÖRNCHEN.

Kommentare oder Kritik – her damit [email protected]

Jede Woche neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

Zwischen Disko und Dispo – Folge 183: Codewort: Eichhörnchen

 

Mehr über Cookies erfahren