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Zwischen Disko und Dispo, Folge 184: Hauptsache Hauswand verpixelt!

Demonstration

Im Internet zensiere ich mich neuerdings selbst. Ich verbiete mir mit meinem iranischem Zunamen „Attentat“ oder „Sprengstoff“ zu googeln und bei Facebook verkneife ich mir Kraftausdrücke wie „Bombe“. Auf die Art möchte ich vermeiden ins Visier der NSA zu geraten. Ein interessantes Gefühl, ein bisschen, wie früher in der DDR. Allerdings konnte die Staatssicherheit früher im Osten von den Möglichkeiten, die der  Amerikanische Geheimdienst bei uns heute geniesst, nur träumen.
Einen ersten Eindruck über Geheimdiensttätigkeiten erhielt ich im Alter von 12 Jahren. Ich sah zwei Männer, die offenkundig nicht aus meinen Kiez stammten. Sie fielen mir schon von Weitem auf, weil im Plattenbauviertel ansonsten niemand auf die Idee kam, mit Lederhut, Mantel und Aktenkoffer durch die Straßen zu ziehen. Die Aufmachung wirkte ein bischen absurd und erinnerte an Spionagefilme der frühen 50er Jahre. Nur konnte im Osten kein Mensch darüber lachen, der jemals Besuch von der Stasi erhielt. An diesem Tag besuchten sie meine Mutter. Sie hatten Informationen, dass mein Vater zu ihr Kontakt aufnahm, der seit kurzem im Westen lebte. Sie haben ihr viele Fragen gestellt – zuletzt, ob ihr die Gesundheit ihrer Familie am Herzen läge. – Wobei solche Einschüchterungsversuche noch eher zu den sanften Verhörmethoden zählten.
Der Vorteil dieser beiden Stasi-Spitzel war, dass sie als potentielle Bedrohung für mich identifizierbar waren. Schwieriger ist es heute mit der gesichtslosen Tempora und ihrer kaum greifbaren Dimensionen. Die riefen dann zuerst auch ein Abwinken meinerseits auf den Plan.
Weder konnte ich mir vorstellen, dass solche Datenmengen ernsthaft ausgewertet werden, noch, dass man in einem Rechtstaat dem schutzlos ausgeliefert sein könnte. Inzwischen weiss ich, dass im Auftrag der NSA ein nimmermüder Algorithmus, eine Maschine, darüber entscheidet, ob ich oder du ein potentieller Terrorist von morgen bist. Ungünstige Suchanfragen bei Google, ein paar falsche Verbindungen auf Facebook, ein missverständliches Telefonat oder ein versehentlich angeklicktes YouTube-Video können jeden von uns zu jedem Zeitpunkt in das Visier der NSA geraten lassen – mit allen Konsequenzen.
Und was macht unsere Regierung? Die schaut zu. Das ist der wahre Skandal. Und jeder einzelne von uns ist betroffen. Nur scheint das noch nicht  angekommen zu sein.
Ganze Städte gingen auf die Barrikaden, als Google Streetview ankündigte, Fotos von Häuserfassaden abzubilden. Seit Edward Snowden Prism und Tempora aufdeckte, warte ich auf eine Empörungswelle… vergeblich – Hauptsache Hauswand verpixelt! Dabei geht es jetzt um mehr als Fassaden. Wer nicht frei kommunizieren kann, führt kein freies Leben. Das hat dann nichts mehr mit Demokratie zu tun. Das müsste die in der DDR geborene Angela Merkel besser als andere wissen. Immerhin, noch habe ich keine Sorge das Wort „Abwahl“ zu googlen – noch.

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Zwischen Disko und Dispo – Folge 184: Hauptsache Hauswand verpixelt

 

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