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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 185: Nachtleben

Igel oder Yeti?

Sternenklarer Himmel, kurz nach Mitternacht. Sitze auf einem Holzstuhl in der Finsternis und warte auf den Liveact. Rechne mit der Party des Jahres in abgeschiedener Lage.  Meine Lieblings Open Air Location liegt am Wald. Sie bietet ein spannendes Programm, taucht aber in keiner Top Ten Liste der Stadtmagazine auf. Dabei ist sie die Schönste, die ich kenne – alleine schon, weil sie mir gehört. Hier kann ich, bekleidet nur mit Gummstiefeln und Bikini, ein alkoholfreies Bier trinken, ohne dass empörte Partygäste gleich die Polizei rufen wollen. Die Lokation ist kaum beleuchtet und wurde von Kommissar Zufall naturnah dekoriert. Trockene Wildgräser, fernsehturmgroße Tannenbäume und eine Trauerweide mit stark frequentiertem Astloch als VIP Lounge. Hier kann man sich, unter 8 cm Körperlänge, für eine Handvoll Haselnüsse einmieten. Die Stimmung heute ist angespannt. Die Nachbarn tuschelten, MC Rüsselscheibe wäre für  einen Überraschungsgig in der Nähe. Jeder der MC Rüsselscheibe mal in seinem Garten erlebte, weiss um dessen Performancequalitäten, auch um sein launenhaftes Gebaren. Er und seine Crew hinterlassen umgegrabene Backstageareas und bestehen beim Catering auf matschige Äpfel und Trüffelpilze. Seit Stunden schon flattern winzige Warm-Up Tänzerinnen mit silbernen Blusen um die Lampe überm Hauseingang. Die Lichtshow des VJs beginnt verheissungsvoll mit einem Kometenschweif  am Himmel. Statt Bassline klingen, mal mehr, mal weniger rauschend, Blätter im Wind. Dann bricht ein Ast. Es raschelt im Gras. Das Geräusch kommt vom Rande des Gartens.
Das Tor dort ist marode, besteht eigentlich nur noch aus zwei Pfählen. Dahinter schwarz und unheimlich ein Tannenbaummeer. Etwas ist im Garten und kommt näher. Starr sitze ich da, links den Griff der Taschenlampe umklammert, rechts das Handy, um Fotobeweise auf Facebook zu posten. Mein Freund hockt hinterm Himbeerstrauch und twittert  aktuelles zur Lage. Es raschelt  jetzt ganz nah vor mir. Ich höre Schmatzgeräusche. Schweisstropfen bilden sich auf meiner Stirn. Hoffe, dass meine Tarnung „versteinerter Stadtmensch auf Holzstuhl“ nicht auffliegt. Fragen schießen durch den Kopf: Komme ich schnell genug ins Haus, falls das Wildschein durchdreht? Wird mein Partner mich mit seinem iPhone verteidigen können? Dann ein männlicher Schrei (Partner). Der Lichtkegel der Taschenlampe offenbart eine Gestalt im Gras. Stachelig und träge schaut sie auf. „Igel oder Yeti?“ twittert mein Freund, dazu das Foto eines ungepflegt wirkenden Partygastes, der sich hier Zutritt erschlich. Es ist zwei Uhr und der Liveact wurde, vermutlich wegen mangelndem Publikumsinteresse (2 Gäste) gecancelt. Am Wochenende wird es besser laufen. Zu den angekündigten, öffentlichen Nachtwanderungen durch brandenburgische Naturschutzgebiete haben sich diverse Gäste angemeldet, darunter auch mein Freund und ich. Versprochen wird Dunkelheit und tierisches Nachtleben – und das Beste daran:  DJ Fledermaus hat schon bestätigt.

www.naturwacht.de

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