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Zwischen Disko und Dispo, Folge 186: Berliner Chic

RestpostenMeine Freundin betreibt einen kleinen E-Book-Verlag. Ich bin immer recht freundlich zu ihr, denn schon bald wird sie eine sehr reiche Frau sein. In ein paar Jahren, wenn Zeitungen und Bücher wie Hölenmalereien in Museen ausgestellt werden, wird sie mit ihren E-Büchlein den Markt erobert haben. Sie wird dann nicht mehr arbeiten müssen und sich, im Bikini auf einer Yacht vor San Tropez herumlungernd, über zu hohen Säuregehalt des Champagners beschweren, während ich hier in Filzlatschen am Schreibtisch in Pankow texte. Sie können sich vorstellen, dass mir das so nicht recht sein kann.

Ich habe daher, nicht uneigennützig, beschlossen, meinen Beitrag zur Zukunft zu leisten und einen Text für ihr aktuelles Projekt „Berlin Chic“ beizusteuern. Das gleichnamige E-Book wird dann im Oktober erscheinen. Aber was bitte schön soll das eigentlich sein, der Berliner Chic? Eine Reihe Autoren, Designer und Modeleute versuchen hierauf Antworten zu finden und meine lautet, stark eingekürzt, so:

„Mein Verhältnis zum Berliner Chic ist ein sehr positives. Man kann sagen, ich bin verliebt. Sollte ich ihn in einem Bild beschreiben, nähme ich den oberen Teil eines blassen, nicht mehr sehr jugendlichen Gesäßes, das aus einer Jogginghose der Firma New Yorker hervorlugt. Würde man genauer hinsehen, könnte man eine Tätowierung knapp über der rechten Po-Backe erkennen: „Rainer, ich liebe dich!“ – das ist mein Berlin Chic. Eine Mischung aus geschmacklos und herzzerreissend, dazu auch praktisch. In Berlin muss nämlich immer alles praktisch sein. Um der reinen Schönheit Willen wird hier gar nichts getragen! Ernsthaft, ich habe es mehrmals probiert, es funktioniert einfach nicht. Es gibt hier kein Klima für schöne Kleidung. Es braucht immer den Bruch, etwas, das die ästhetische Idylle stört. Fast schon pubertär kommt der Berliner Chic in seiner Aufmüpfigkeit daher. Manchmal denke ich, dieser schwer erziehbare Kleidungsstil ist ein Spiegel unserer Stadt: auseinander gerissene Teile, wieder neu zusammengefügt, noch mitten im Wachstum.

Das schmerzt mitunter in den Augen und dann wieder ist es sehr inspirierend. Das Sympathischste am Berliner Stil ist seine Resistenz gegenüber modischen Vorgaben. Regelmäßig bekomme ich gute Laune, wenn sich Modejournalistinnen mal wieder über eine Berliner Protagonistin auf der Fashionweek echauffieren, deren Schuhe in ihrer ausgelatschten Funktionalität so gar nicht mit dem Haute-Couturie-Kleid harmonieren. Dann denke ich: „Yeah, thats my Girl! She likes it praktisch!“ Schon möglich, das der Berliner Chic im Weltvergleich irgendwo zwischen schwarzem Schaaf und hässlichen Entlein dümpelt. Doch aus dem Entlein wird bekanntermaßen ein wunderschöner Schwan! Vielleicht auch nur ein Platypus.  Mein  Verhältnis zum Berliner Chic ist dennoch ein sehr positives.“

Auszug E-Book „Berlin Chic“. Erscheint im Frohmann Verlag zur Buchmesse Frankfurt im Oktober 2013

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