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Zwischen Disko und Dispo, Folge 187: Kuscheln mit Demonstranten

Demonstration!

Am Wochenende war ich demonstrieren. Vor dem Brandenburger Tor gegen Sexismus in der Werbung – danach gegen einen Militärschlag in Syrien, zuvor auf dem Ku-Damm gegen Homophobie in Russland. In einem Lifestyle-Magazin wäre das Urteil schnell gefällt.

Out: Clubbesuche! In: Demonstrationen! Dem Tip-Leser kann man so nicht kommen, also versuche ich zu beschreiben, was so toll am Demonstrieren in Berlin ist. Abgesehen davon, dass es entgegen aller Vorurteile immer Sinn macht für die Sache, die einem wichtig ist, auf die Straße zu gehen, ist die Demo als Amüsierrevier und Ort emotionalen Wirrsinns unschlagbar. Auf dem Ku-Damm habe ich zum Beispiel einen Mann mit Brüsten getroffen. Er trug einen Bart und diesen ausgeleierten, transparenten BH mit solch merkwürdigen Silikondingern drin. Aus den Boxen hallte „Freedom“ von George Michael und während ringsum nackte und mit regenbogenfarben bemalte Oberkörper protestierten, fielen wir uns in die Arme und ich machte dieses Foto. Subtext: Wir haben alle mitgenommene Brüste und sind Randgruppen im Herzen!

In bester Stimmung sprach ich weiter Demonstranten an. Ich trank aus ihren Flaschen und letzte Hemmungen kamen gegen 15 Uhr, Höhe KadeWe, abhanden. Für einen kurzen Zwischenstopp bin ich dann ins Kaufhaus hinein. Ich wedelte mit meiner Regenbogenflagge der Verkäuferin so lange vor dem Gesicht herum,  bis sie mir entnervt ein dutzend Parfümpröbchen zusteckte. Sie müssen wissen, seit Jahren übernimmt mein Arbeitgeber keine Fahrtkosten mehr für meine Reportagen und ich verstehe Pröbchen und Giveaways aller Art als legitime Entschädigung.
Wieder draussen sang ich mit einer Gruppe fremder Menschen „Were Is The Love“  von den Black Eyed Pease. Der Demo-DJ hatte ganz offensichtlich seinen Hitkoffer gepackt und es gab schon originellere Beschallungen auf Berliner Kundgebungen. Was das Musikprogramm betrifft, ist man inzwischen sehr verwöhnt, denn Demos ohne DJ‘s gibt es in Berlin nicht mehr, was wohl ein Erbe der Loveparade ist. Was wiederum der Stimmung nur zuträglich ist. Wir erlebten jedenfalls einen wahnsinnig guten Demo-Tag. Die  Teilnehmerzahl wurde von der Polizei später auf 650 geschätzt. Es waren aber mindestens 2000. Und mit jedem einzelnen habe ich angestoßen. Meine Solidarität gilt nämlich auch betrunken. Dennoch wäre der Eindruck falsch, ich würde mir Samstags den Wecker um 9 Uhr stellen, nur um auf eine Spaßdemo zu gehen. Das Anliegen war/ist ernst. Bei der Umsetzung jedoch darf -nein, muss!- es launig zu gehen. Ich habe doch nur dieses eine Leben!
24 Stunden später bei der Demonstration gegen Sexismus war die Euphorie dann nicht mehr ganz so groß (Kater) obwohl die Musik hier viel spannender war.  Es wurde sogar eine Bühne aufgebaut. Eine attraktive Frau in goldener Leggins kam hier auf mich zu und löcherte mich mit Fragen, zum Beispiel warum Schönheitsflecken Schönheitsflecken heißen. Dann erzählte sie, dass sie gerade aus einem Werbeplakat an der Bushaltestelle gestiegen wäre und dorthin nun auch wieder zurück müsse. Das Besondere an Demonstrationen in dieser Stadt sind genau solche Begegnungen und die Tatsache, das man wildfremde Menschen einfach mal so in den Arm nehmen kann – und das in Berlin! Ich möchte ihnen den Besuch einer Demo dringend empfehlen.

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