• Stadtleben
  • Zwischen Disko und Dispo, Folge 188: Katzencafe versus Baileysparfait

Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 188: Katzencafe versus Baileysparfait

Katzencafй

Der Herbst kam, also ging ich. Ich fuhr nach Neukölln für ein wenig Wärme und Flauschigkeit. Mein Ziel: Berlins erstes Katzencafe. Den Eingang gegenüber eines Friedhofs hätte ich fast übersehen. Vor der Tür wartete ein Golden Retriever und schaute bedröppelt hinein.  „Das kannst du vergessen, Freundchen!“ – dachte ich, sprang seitlich vorbei, und trat ein. Drinnen war es ganz anders als erwartet. Der Raum erinnerte an Kinderecken in Praxis-Wartezimmern: Plastikboden, Holzstühle, Spielzeug, ein Brettspiel auf einem Tisch. Aus einer Stoffröhre am Boden schaute ein haariges Hinterteil hervor. Die Schwanzspitze zuckte nervös.  Außer mir war nur ein weiterer Gast sowie zwei Katzen anwesend. Quietschend schob ich einen Stuhl zur Seite. Ich nahm Platz, entschlossen das Gute zu finden. Die Hausherrin präsentierte das Angebot burschikos jedoch nicht unfreundlich. Man konnte ihre Bemühungen schon sehen, diesen Ort mit Gemütlichkeit zu besprenkeln. So saß ich zwischen pink geblümten Kissen, Kratzbaum und geschnitzten Katzenskulpturen – vor mir die hölzerne Tischplatte, darauf ein Kakao. Zwei Minuten streichelte ich eine Katze. Sie lag auf dem Stuhl neben mir und ließ es geschehen. Dann schaute sie auf – unendlich gelangweilt. Es war klar, sie und ich, wir hatten uns nichts zu sagen. Sie sprang vom Stuhl, ich zahlte und ging. Draußen war es schon dunkel. Es wird ja immer früher dunkel!
Ja und? – dachte ich in einem Anflug von Trotz, der Mensch braucht kein Licht!  Den Beweis würde ich heute noch erbringen. Vor Jahren hatte ich diesen Gutschein erworben: Drei-Gänge-Menue in totaler Finsternis in Berlins dunkelstem Restaurant. Wer das schafft, übersteht auch den Winter. So betrat ich am Abend die  Unsichtbar. Am Eingang sollte ich das Handy ausschalten, dann holte mich eine blinde Bedienung ab. Sie kehrte mir den Rücken zu und ich legte, wie angewiesen, meine Hände auf ihre Schultern. Per Polonaise wurde ich zum Tisch geführt. „Bitte nicht so ziehen.„, sagte sie. Selten war ich so dankbar für Dunkelheit, wie auf diesem Gang. Tastend und unsicher setzte ich mich an den Tisch. Die veränderte Wahrnehmung hatte etwas Surreales. All diese Geräusche – keine Bilder. Ich hörte, dass der Raum sehr groß sein musste. Geschirr klapperte, ein Rollwagen wurde vorbeigeschoben, Stimmengewirr, ein Windzug von rechts… Als das Essen kam, patschte ich versehentlich mit der flachen Hand auf meinen Teller. Ein Gnocchi klebte an meiner Fingerkuppe. Er schmeckte ausgezeichnet. Die Finsternis ließ seltsame Gedanken aufkommen. Ich dachte daran, meinen Pulli auszuziehen und mit geschlossenen Augen im BH weiter zu essen. Die Bedienung hatte eine wohltuende Stimme und zum Dessert gab es Baileys-Parfait – mit Abstand das Beste, was ich seit Langem hatte. Hallo Sommer, hallo Licht, hört ihr mich? Leben funktioniert auch gut im Dunkeln –  Ich brauche euch nicht!

Kommentare oder Kritik – her damit [email protected]

Jede Woche neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

Zwischen Disko und Dispo – Folge 188: Katzencafй vs. Baileys-Parfait

 

Mehr über Cookies erfahren