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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 192: Afterhourparty mit Lalelu

lampionLaufe die krumme Straße hinunter, es kratzt im Hals, der Griff der vollen „Rewe“-Tüte schneidet in die Handfläche. Aus der Ferne, ganz leis, dringen Bässe ans Ohr. Sie werden mit jedem Schritt lauter. Vor einer Einfahrt stoppe ich, das Tor steht weit offen. Durch Zufall stieß ich schon häufiger auf interessante Partys – warum sollte das nicht auch heute, an einem Montagnachmittag so sein? Ich lehne meine Tüte vorsichtig an die Häuserwand. Bald schon entdecke ich die ersten Gäste, Hipsterkids mit Stirnbändern und bunten Rucksäcken. Vor der Bar wälzt sich ein Typ am Boden und brabbelt unverständliches Zeug.

„Okay“,denke ich, „Afterhourparty, bei der sich verschallertes Publikum kurz vor Feierabend nochmal richtig die Kante gibt.“ So weit – so Berlin. Mir fällt allerdings auf, dass das Publikum hier sehr jung ist, im Schnitt vielleicht vier. Diesen Trend zur Verjüngung beobachte ich nun schon länger im Clubbereich. Man könnte sich fragen, wo das alles noch hinführen soll, stattdessen mache ich schweigend meine Notizen. Ich fotografiere auch den Mainfloor im Hinterhof, cirka 200 Personen haben sich versammelt. Als die Dunkelheit  hereinbricht, werden Visuals in Baumkronen projiziert, ein Feuer lodert in der Nähe eines Sandkastens.

Zu kleine Körper bewegen sich zu unausgegorenen Sounds. Ich nehme zur Kenntnis, dass man, statt mit Leuchtstäben neuerdings mit Lampionen auf der Tanzfläche agiert. Als ich den DJ in der Menge entdecke, erschrecke ich kurz über die groteske Gestalt. Er trägt ein schwarzes, bodenlanges Cape und Stirnglatze. Verschwörerisch breitet er seine Arme aus und dutzende, an seinem Cape befestigte Lampen, blinken im Takt der Musik. Er legt extem verstörendes Zeug auf: Deutsche Marschmusik gefolgt von Kinderchorgesängen und esoterischen Mondliedern. Ich muss an eine dieser modernen Hau-Theater-Performances denken – hier jedoch inszenierte man mit geringerem Budget. Auf meine Nachfrage hin stellt er sich als „Laternenmann Lalelu“ vor. Dann dreht er die Musik plötzlich runter und gibt die Anweisung: „Nehmt euch an die Hände!“

Doch das Publikum ist eine schwer beherrschbare Masse. Immer wieder werfen sich Unwillige auf den Boden, fordern Wassereis, Star Wars-Figuren oder einen Dinosaurier aus Knete. Als der DJ ein letztes, drohendes  Zeichen gibt, folgt die Masse murmelnd Richtung Straße. Ein Hund beginnt zu bellen, als krawallbereite Vierjährige das Kopfsteinpflaster in Pankow erobern. Aufgebrachte Elternteile sperren das Gelände weiträumig ab. Dann, bei einem Song von „Bernd das Brot“, droht die Situation zu eskalieren. Ein gewisser Joffray will das mobile Soundsystem in seine Gewalt bringen. Er hat sich mit seinem gesamten Körper auf den Handwagen geschmissen und schreit. Anne-Katrin steht daneben und schreit ebenfalls. Der DJ ruft übers Mikrofon die Mutter aus – vergeblich. Es wird Nacht in Pankow. Ich greife meine Tüte und schlendere nach Haus.

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Zwischen Disko und Dispo, Folge 192: Afterhourparty mit Lalelu

 

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