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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 193: Party ohne Leggins und David Garrett

Champagner-Flasche

So viel vorab: Niemand hatte behauptet, dass zum Jubiläum des Asphalt Clubs im Hilton der prominente Geiger zugegen sein würde. Aber hätte ich hier die stattdessen anwesende Caroline Beil getitelt, hätten Sie dann weitergelesen? Eben. Kenner dieser Kolumne wissen, dass ich kein großer Fan von Schickimicki-Etablissements bin. Es sei denn, jemand schickt ein Bändchen, sodass ich mit meinen Facebook-Freunden, den Pankower Nachbarn und der Familie die ganze Nacht umsonst trinken kann! Dann bin ich auch mal nachsichtig und habe Verständnis für die nächtlichen Sorgen der Wohlstandskidz und Partypeople in Crocoleder-Slippern.
Die schnöde Wahrheit ist, dass mein Bändchen, wegen zu spätem Eintreffen, seine Gültigkeit verloren hatte. Aber nun waren wir schon mal hier! Wir, das heißt Mia Ming und ich, zwei aufgetuffte Autorinnen auf der Suche nach Freidrinks, dem nächsten Projekt – Drehbuch? Theaterstück? Twitterroman? Hartz IV? – und Zigaretten. Caroline Beil performte gerade auf der Bühne, als ich vor der Toilette meine Leggins auszog. Ich stand da lediglich in Strumpfhose und mit einem Umhang mit Federkragen bekleidet im Flur – das sollte für diesen Abend genügen.
Es war nämlich sehr warm und die Stimmung in jeder Hinsicht aufgeheizt. Während später ein Damentrio von „schönen Glocken“ sang, amüsierten sich backstage junge Menschen zu HipHop-Classics. Mein Blick blieb an zwei Frauen haften, die im Doggystyle tanzten. Dabei drückte eine der anderen ihr Gesäß ans Becken und griff sich auf unwirsche Art ins Haar. Ich war wirklich ratlos. Gleich würde der Clubbetreiber die Bühne betreten und singen. Die Gäste johlten, der Mainfloor war berstend voll. Ein dicker Junge mit nackenlangem Haar sprach in Mia Mings Ohr. Ich begutachtete derweil den Ort: dunkles Holz und Leder, schlichtes, elegantes Interieur.
Zuletzt war ich bei der Eröffnung hier. Ich schrieb damals eine Empfehlung. Heute fällt mir wieder ein, warum. Es hat vor allem mit dem Betreiber zu tun. Daniel Höferlin ist ja so ein Typ. Ex-Boygroup-Sänger, ehemaliger Barmann, Aufstieg und Fall, einer, der oft unterschätzt wurde, der glänzt, weil er Kratzer hat und wohl der Richtige ist, um einem glatten Hotelclub ein wenig Wahrhaftigkeit zu verleihen. Im Übrigen hatte ich wahrhaftig einen sitzen, bevor Orchester-Direktor David Canisius in der Künstlergarderobe die erste Schampusflasche köpfte – das Lachen der anwesenden Agenturchefin Imke A. hallte noch bis zur Toilette.  Eine Latino-Schönheit blockierte grollend das WC, weil irgendwer ein mieses Schwein ist. Fotograf Andrй C. Hercher machte seine Bilder – besonders in Pankow gefürchtete Dokumente des Grauens.  Gegen fünf Uhr ging es dann zur Sache (dramatischer Tanz zwischen Richkidz in Strumpfhose und mit schwarzem Umhang). Urteil nach dem achten Drink: fantastisches DJ-Set! Die Freundin hatte sich längst  abgesetzt als jemand auf der Tanzfläche fragte: „Wollen wir tanzen?“ – „Lieber nicht“ – lautete die gemurmelte Antwort. Um sieben Uhr war ich dann zu Hause. Meine Leggins liegen immer noch im Asphalt – David Garrett eher nicht.

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Zwischen Disko und Dispo – Folge 193: Party ohne Leggins und David Garrett

 

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