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Zwischen Disko und Dispo, Folge 195: Bierdeckelbotschaft

getraenke_jackieDas neue Jahr beginnt in einer Gaststätte, die nach nicht mehr taufrischen Brathähnchen und Zigarettenrauch riecht. Wir spazierten am Stadtrand,  graue Wolken ruhten sich über Tannenkronen aus und unsere Parkas hängen nun über der Stuhllehne am Tisch. Wir bestellen Bier, fühlen uns geborgen und gleichzeitig ein bisschen angewidert, ähnlich, wie auf einem verunglückten Familienfest.

Etwas Selbstgetöpfertes steht auf der Theke im Staub. Jemand spielt Conny Francis auf einem E-Piano und ältere Herrschaften schunkeln einen Moment. Der Mann am E-Piano trägt Rauschebart, einen roten Mantel und Zipfelmütze. Ich weiss nicht, ob er nun eine doppelte Doppelschicht hatte oder seit dem 24. nicht mehr Nachhaus zum Umziehen kam. Fakt ist, der Weihnachtsmann spielt heute im „Waldeck“ mit viel Verve sehr scheussliche Musik. Ich beobachtete, wie ihm eine Brünette einen Zettel zu steckte, dann begann er „Massachusetts“ von Jürgen Marcus zu spielen- und wie! Er schien völlig versunken in der Musik, hatte dieses versonnene Lächeln, glänzende Wangen und eine rote geschwollene Nase. Die Kellnerin stellte einen Cognac neben sein Instrument und die Menschen applaudierten begeistert.

Er war mit Abstand das beste Weihnachtsmanndubel, das ich je sah. Ich fragte mich, wie es wohl wäre, wenn dies hier nun der echte, also der wahre Weihnachtsmann wäre. Mir gefiel der Gedanke wirklich gut: der Weihnachtsmann, der nach getaner Arbeit noch ein paar Tage unter die Leute geht, auf AfterHour-Tour im Berliner Speckgürtel. Schon wieder bekommt er etwas zugesteckt, diesmal von einem jungen Mann in Stoffhose. Es sah aus wie ein bekritzelter Bierdeckel. Ich sah mich nun genauer um: überall an Tischen schrieben Gäste eifrig Notizen. Was ging hier vor? Wäre es möglich ..? Ich zog den Bierdeckel unter meinem Glas hervor und schrieb: „Guten Abend, falls sie der sind, für den sie sich ausgeben, möchte ich ihnen folgendes mitteilen. Wünsche: kostenloses Internet, 2 Laufenten, ein Scheunenhaus, eine Hochzeit, 3 Hühner, 1 Dackel, 1 Staubsaugeroboter, 1 neuen Nachnamen (was mit H), 1 Internetnetministerin für Deutschland (Julie Zeh?), sinkende Mietpreise in ganz Berlin, sowie ihre Mütze…. vielen Dank!“

Mit einem kurzem Nicken nahm er den Deckel entgegen, dann zahlten wir und gingen zufrieden nach Haus. „Wie wenig Lärm machen die wirklichen Wunder“– sinnierte einst der berühmte Autor Antoine de Saint-Exupйry. Vermutlich hat er noch nie einen Weihnachtsmann am E-Piano erlebt. 

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