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Zwischen Disko und Dispo, Folge 196: Im Bett mit Schlingensief

Schlafzimmerfrau

Fast auf den Tag genau vor 13 Jahren wurde eine merkwürdige Veranstaltung in Berlin angekündigt: Der erste Kongress für Liebeskummer. Gleichzeitig wurde die Love Sick Society ausgerufen, also eine Gesellschaft der Liebeskranken, das Ganze durch die  Österreichischen Künstlerinnen Carmen Brucic und Jeanette Müller. Unterstützung erfuhren sie vom Berliner Kollegen Christoph Schlingensief. Im Vorfeld des Kongresses sollte ich mit ihm ein heikles Interview führen. Heikel, weil ich damals als sogenannte Nachwuchsmoderatorin und Superfan viel zu befangen für ein Gespräch auf Augenhöhe war, und weil es zu allem Unglück auch noch in Schlingensiefs Schlafzimmer stattfinden sollte. – Ich dachte zuerst, ich höre nicht recht. Die Redakteurin der Sendung informierte, der Künstler wäre erkrankt und bevor Erleichterung einsetzten konnte, weil die journalistische Herausforderung erstmal ausblieb, schob sie freudestrahlend hinterher, dass er das Interview nun im Bett führen wird. Schweissperlen traten auf meine Stirn. Ich sah mich schon als  Nachfolgerin Ingrid Steegers, die wegen der Blosstellungen des anstrengenden und attraktiven (auch das noch!) Aktionskünstlers, einst heulend aus einer Talkshow lief. Zum vereinbarten Termin öffnete Schlingensief dann im Bademantel die Tür – erster Eindruck: höflich und erkältet. Ich sah mich um. Es gab hier kein kein Künstler-Chaos, keine leeren Schnaps-Flaschen oder Nippes, dafür Unmengen Bücher, sortiert an den Wänden und in jedem Winkel der Wohnung. Es fühlte sich an, wie zu Gast in einer Bibliothek – auch noch als Schlingensief in einem leichten Pyjama in sein Bett stieg und ich am Rande der Daunendecke Platz nahm. Hier fühlte ich mich sicherer als erwartet. Vielleicht war seine Unpässlichkeit mein Glück, jedenfalls verlief das Interview flüssig und ich behielt (vorerst) meinen Job. Bei besagtem Liebeskummerkongress saß ich dann später als „Expertin“ (Wer ist eigentlich nicht Liebeskummerexperte?) an einem der vielen Tische, die in den Sälen der Volksbühne aufgestellt wurden. Ich sprach dort mit wildfremden Menschen über sehr private, auch empfindliche Dinge und hatte am Ende sogar etwas fürs Leben gelernt: sich öffnen bedeutet gewinnen. Zu diesem Zeitpunkt war Schlingensief noch weit entfernt von den Heiligsprechungen, die postum durch den etablierten Kulturbetrieb stattfanden. Damals rümpften noch viele die Nase über den „Provokateur“ und „Unterhosengoethe“. Andere, deren Zugang zu Kunst und Kultur, ähnlich wie meiner, weniger aus Lehrbüchern und mehr aus dem Bauch heraus passierte, waren angetan von seiner Lebendigkeit und Experimentierwut, diesem großen und befreienden „Fuck You“,  das er einem selbstgerechten Kultur-, später auch Politik-Betrieb, in allen seinen Aktionen entgegenzuschmettern schien. Schlingensief brannte für seine Projekte, das konnte damals jeder spüren – und kann es heute wieder. Die Ausstellung zu seinen Arbeiten in den Kunst-Werken ist noch bis zum 19. Januar geöffnet. Ich empfehle sie Ihnen!

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Zwischen Disko und Dispo – Folge 196: Im Bett mit Schlingensief

 

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