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Zwischen Disko und Dispo, Folge 199: Kreditantrag und Kampfmittelräumung

Hühner

Man muss ja auch mal an die Zukunft denken! Nach Jahrzehnten des flatterhaften Berliner Lebensstils ist nun ein katalogähnliches Dasein auf dem Land mit Haus, Hof und niedlichen Nutztieren geplant. Also gingen mein Partner und ich zur Bank. Ich fand es albern, zum Zwecke eines Kreditantrages im Kostüm zu erscheinen und auch mein Freund trug beim Termin in der von Chrom und Glas domnierten Filiale nur legere Garderobe. Vermutlich war das ein Fehler, denn man schien uns direkt zu misstrauen und das folgende Prozedere stellte sich als haarsträubend heraus. Unzählige Kopien, Fragebögen und Unterlagen, von deren Existenz ich noch nie zuvor hörte, sollten beigebracht werden, Beglaubigungen von Beglaubigungen, Grundbuchauszüge und amtsgerichtliche Bestätigungen – hätte ich doch bloß die Strickmütze abgesetzt! Ein grauer Finanzberater hat unseren Kredit dann aus verschiedenen, freudlosen „Bausteinen“ zusammengesetzt. Monate zog sich die Bearbeitung hin, immer neue Dokumente wurde angefragt, Bausteine ausgetauscht. Dann endlich, wir haben nicht mehr damit gerechnet, kam die Zusage per Post. Am Abend gingen wir los um zu feiern – irrwitzige Freude darüber, endlich hochverschuldet zu sein! Denn jetzt geht es los: „Tschüss Hipster, Hallo Hühner!“ – Wir bauen unser Haus auf dem Land! Wobei, eigentlich lassen wir ja bauen. Die beauftragte Firma ist auf Ständerbauweise spezialisiert. Ich weiss nicht viel über Ständerbauweise, aber mein Partner sagt, das ist etwas, worauf man vertrauen kann. Das hält auch bei starkem Wind. Wir haben zuvor ein Musterhaus besucht. Wir sind darin rumgelaufen und haben kritisch Standsockel beklopft. Danach wurden Windbeutel und Cappucino im Wohnzimmer serviert. Ein Dobermann beobachtete uns von der Chouch aus, als wir sagten: „Ja. so ein Haus wollen wir! Es sollte nur von aussen ein bisschen mehr wie eine Scheune aussehen. Also aussen Kuhstützpunkt, innen Autorensuite – verstehen sie?“ Man sagte, man verstünde uns. Danach zeichnete ein Architekt zirka 20 Pläne , von denen 18 unter Wutanfällen zerknüllt in Wohnzimmerecken landeten. Zuletzt erhielten wir gute Nachrichten von der Firma. Wegen milder Witterung könnte das Fundament schon viel früher, nämlich in vier Tagen gegossen werden – voraussichtlicher Einzugstermin: Frühsommer 2014! Fehlt nur noch die Baugenehmigung. Sie hätte eigentlich längst im Briefkasten sein müssen – eigentlich. Vorhin rief ich beim Bauamt an. Man sagte, unser Grundstück muss noch auf Kampfmittel untersucht werden, denn es liegt in einem Gebiet, in dem es gelegentlich zu Funden explosiver Restbestände aus dem 2. Weltkrieg kommt – nur hin und wieder, nicht immer! Die Sachbearbeiterin bemühte sich um einen beruhigenden Ton. Den benötigten Antrag auf Kampfmittelprüfung haben wir sofort bei der Polizei gestellt. Bearbeitungszeit: 4 bis 6 Wochen. Korrigierter Einzugstermin: Spätsommer 2014. Man muss ja auch mal an die Bomben denken.

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Zwischen Disko und Dispo – Folge 199: Kreditantrag und Kampfmittelräumung

 

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