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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 200: Experiment

Landleben

Es riecht nach Frühling und Unsicherheit. Sitze neben meinem Partner im Mietwagen vor einem 20 Meter hohen Holzberg – Bauteile für unser Haus. Es ist noch nicht einmal sieben Uhr, aber der Himmel ist schwarz auf dem Land, viel dunkler als in Berlin. Eine dünne Mondsichel beleuchtet unser zukünftiges Leben. „Mach dir keine Sorgen“, sagt mein Freund. „Es wird keinen Dritten Weltkrieg geben.“– „Aber was, wenn doch?“, halte ich dagegen. „Die Luftlinie zur Ukraine beträgt 1334 Kilometer. Das ist näher als Mallorca! Putin ist unberechenbar. Warum haben wir keinen Keller? Wir hätten einen Keller planen sollen!“ – „Wir können immer noch in die Sickergrube, wenn‘s hart auf hart kommt“, meint K. „Da gehe ich nicht rein!“ – Paardialoge am Montagabend am Rande Berlins.
Über die Autobahn fahren wir zurück, kaum mehr als 30 Minuten in die Stadt. Ich habe ein mulmiges Gefühl mit der Ukraine und dem persönlichen Lebensmodell. Was wird uns die  Zukunft bringen? Eine frustrierte Kolumnistin in einem Ort ohne U-Bahn? Ein instabiles Europa? Eine Semmel für 5000 Euro? Krieg und Schäferhund zum Abendbrot? Mein Opa berichtete mal, wie er mit seinen Brüdern nach Kriegsende wegen des Hungers einen solchen fing, tötete und zubereitete. Ich bin fest überzeugt, schlimmer, als  einen Hund zu verspeisen, ist es, ein Leben ohne Inhalte zu führen. Ich hoffe aber, nie den Beweis erbringen zu müssen.
In der Redaktion haben wir heute die Kolumnen der Zukunft besprochen, über die Suche nach Glück, Auffälligkeiten zwischen Stadt und Land, Wald und Wahnsinn,  Bareröffnungen und Schweinestallbesuchen – mein Partner wünscht sich nämlich ein Schwein. Ich bin dabei, mein ganzes Leben umzukrempeln und heute hab ich Angst, dass es schief gehen könnte. Dass sich der Plan vom Landleben als Spinnerei entpuppt und wir auf Jahrzehnte der Bank verpflichtet sind, weil wir einer romantischen Idee erlagen. Vielleicht machen wir aber auch alles richtig. Möglicherweise ist es schlau, sich an ein so ein Projekt zu wagen, bei den dramatisch steigenden Berliner Mietpreisen – und das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht. Ich sah im Fernsehen diesen Bericht über eine New Yorker Familie, die monatlich 4000 Dollar für eine 40 Quadratmetergroße Wohnung zahlte. Sie teilen sich zu dritt zwei Zimmer in Brooklyn. Sie verdienen gut, um die 100?000 Dollar im Jahr, das Geld reicht trotzdem hinten und vorn nicht. Ich frage mich, was  aus „meinem“ Berlin wird, aus Freunden und Bekannten. Wie werden wir in Zukunft leben, wo die guten Momente finden? In der Kreuzberger Bar, im Haus am Wald oder bei Facebook? Ist die Landflucht eine gute Alternative? Ich werde das in den nächsten Kolumnen herausfinden – für mich und ein bisschen auch für Sie. Ein Experiment! Also bleiben Sie dran.

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