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Stadtleben

Zwischen Disko und Dispo, Folge 201: Werte Bunte, hallo Rolling Stone, liebe Peiner Nachrichten

Haus Ungarn

Wie ich Ihrer Berichterstattung entnahm, ist Berlin seit letzter Woche nun uncool. Hier muss ein Missverständnis vorliegen! Schließlich bin ich schon mit 15 aus der kleinstädtischen Heimat ausgerissen für einen ersten, lang vorbereiteten Diskothekenbesuch in Berlin (Haare 1,5 Stunden toupiert, schwarzes Tüllkleid, unzählige Strass- und Perlenketten um den dünnen Hals gewickelt). Der Ausflug scheiterte dann am Einlass im Rahmen einer Ausweiskontrolle. Auf dem Heimweg gab es Wut-Tränen auf der Zugtoilette (diese Demütigung!) und in den Folgemonaten zirka 800 weitere Versuche, in Berliner Discotheken Einlass zu erlangen. Der Erfolg blieb meist aus. Zitat Türsteher: „Komm in drei Jahren noch mal wieder.“ Das vergebliche Warten vor Clubs entwickelte sich zu einer Lebensaufgabe, die Jahrzehnte später in dem leidenschaftlich umgesetzten Berufsbild „Nachtlebenreporterin“ mündete.
Bald besuchte ich jede Cluberöffnung – offiziell mit Presseausweis für das tip-Magazin, innoffiziell besoffen auf Tanzflächen die private Genugtuung feiernd. Der Ursprung für diese früh entdeckte Leidenschaft war aber nicht die schon seit 1920 angepriesene Coolness der Stadt, sondern vielmehr die hier von mir vermutete coolste Person (!) der Welt.
Laut Zeugenaussagen besuchte Kai, so heisst er wohl heute noch, regelmäßig die Diskothek „Alextreff“ und war dabei so interessant und wunderschön, dass er schon von Weitem aus der Menge hervorstach – so erzählten es zumindest die älteren Mädchen auf dem Schulhof der Polytechnischen Oberschule in P.. Sie sagten, er hängt am Wochenende immer im „Cafe Größenwahn“ unterm Berliner Fernsehturm ab.
Ich bin dann mit meiner Freundin in den Zug gestiegen, um den Mann zwecks möglicher Heirat zu treffen. Tatsächlich fand ich Kai, ich erkannte ihn sofort. Er schien mir noch cooler als beschrieben. Er war schon sehr alt – 23 Jahre –, hatte eine mit Kajal gezeichnete Schlange auf der Wange wie Steve Strange, der Sänger von Visage, sowie einen zukunftsweisenden Beruf: Heizungsmonteur. Trotz meiner schlimmen Nervosität und den dadurch ausgelösten Sprachstörungen kam es zu einem ersten Date auf einer Privatparty. Ich war wahnsinnig aufgeregt. Und weil ich keine Erfahrungen mit Alkohol hatte, trank ich Blue Curacao und dann auch Rotwein in großen Schlucken gleich aus der Flasche. Als Kai endlich auftauchte, drehte sich alles. Er setzte sich auf ein Sofa und lächelte mir zu. Ich wankte vorbei an Tanzenden, „Geisha Boys and Temple Girls“ von Heaven 17 lief gerade, und als ich mich neben ihn setzte, fiel ich kopfüber in seinen Schoß.
Dort übergab ich mich und schlief ein. Seit diesem Abend sah ich Kai nie mehr wieder und hatte drei Jahre Liebeskummer. Was ich damit sagen möchte? Sie können Berlin uncool finden, aber er gibt keinen besseren Ort, um cool zu scheitern.

Grüße aus Berlin!

Ihre Jackie A.

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